Für die Tafeln in Deutschland war 2025 ein besonders herausforderndes Jahr. Nach eigenen Angaben mussten viele Einrichtungen mit deutlich weniger Lebensmittelspenden auskommen – vor allem von großen Supermarktketten. Die Folgen sind spürbar: In mehreren Regionen wurden Aufnahmestopps für neue Kundinnen und Kunden verhängt, weil die vorhandenen Mengen nicht mehr ausreichen, um alle Bedürftigen zu versorgen.
Besonders betroffen ist Schleswig-Holstein. Dort verzeichneten die Tafeln im vergangenen Jahr einen klaren Rückgang der gespendeten Lebensmittel. Das bestätigte Frank Hildebrandt, Vorsitzender des Landesverbands der Tafel Hamburg/Schleswig-Holstein. Die Situation sei so angespannt, dass einzelne Tafeln – darunter auch die Tafel Kiel – derzeit keine neuen Kunden mehr aufnehmen könnten. Weitere Menschen zu versorgen, sei mit den vorhandenen Ressourcen schlicht nicht mehr möglich.
Digitalisierung verändert den Handel – und die Spendenlage
Die Ursachen für den Rückgang liegen laut Hildebrandt vor allem in strukturellen Veränderungen im Einzelhandel. „Es ist eine Folge zunehmender Digitalisierung im Handel, dass bedarfsgerechter produziert und geordert werden kann“, erklärt er. Moderne Warenwirtschaftssysteme sorgten dafür, dass Supermärkte ihre Bestellungen immer präziser planen. Was aus wirtschaftlicher Sicht effizient ist, hat eine Kehrseite: Es bleibt weniger überschüssige Ware, die noch genießbar wäre und an die Tafeln weitergegeben werden könnte.
Damit gerät ein bislang wichtiger Pfeiler der Tafel-Arbeit ins Wanken. Jahrzehntelang lebten die Tafeln davon, überschüssige Lebensmittel zu retten und an Menschen mit geringem Einkommen weiterzugeben. Wenn diese Überschüsse nun ausbleiben, geraten die ehrenamtlichen Strukturen zunehmend unter Druck.
Neue Wege bei der Spendenakquise
Um die Versorgung dennoch aufrechtzuerhalten, versuchen die Tafeln, ihre Spendenakquise auszuweiten. Künftig sollen nicht mehr nur Supermärkte, sondern verstärkt auch Lebensmittelhersteller und große Logistikunternehmen als Spender gewonnen werden. Ob diese Strategie die Lücken kurzfristig schließen kann, ist allerdings offen. Der Aufwand steigt – sowohl organisatorisch als auch personell.
Der Landesverband der Tafel Hamburg/Schleswig-Holstein betreibt insgesamt 61 Ausgabestellen. Genaue Zahlen darüber, wie viele Lebensmittel im vergangenen Jahr allein in Schleswig-Holstein ausgegeben wurden, liegen nicht vor. Klar ist jedoch: Der Bedarf wächst weiter, während das Angebot schrumpft.
Hoher Bedarf bundesweit
Ein Blick auf die bundesweite Lage unterstreicht die Bedeutung der Tafeln. Nach Angaben von Tafel Deutschland wurden 2025 in ganz Deutschland rund 265.000 Tonnen Lebensmittel an Bedürftige verteilt. Allein die Tafel Kiel unterstützt derzeit etwa 1.100 Haushalte – Tendenz steigend.
Gleichzeitig wächst die Sorge, dass immer mehr Menschen durch steigende Lebenshaltungskosten, hohe Mieten und Inflation auf Unterstützung angewiesen sind, während die Tafeln selbst an ihre Grenzen stoßen. Der Rückgang der Lebensmittelspenden macht deutlich: Die soziale Not nimmt zu, doch die Ressourcen werden knapper.
Die Entwicklung wirft auch politische Fragen auf. Denn wenn ehrenamtliche Hilfsstrukturen wie die Tafeln zunehmend an ihre Belastungsgrenzen geraten, wird sichtbar, wie fragil das soziale Auffangnetz für viele Menschen geworden ist.