Was wie eine grausame Legende klingt, wird nun durch neue Ermittlungen in Italien bittere Realität: Der Mailänder Staatsanwalt Guido Salvini untersucht den Verdacht, dass während der Belagerung von Sarajevo in den 1990er-Jahren reiche Männer aus Europa und Nordamerika gezielt dafür bezahlt haben, auf Zivilisten und Kinder zu schießen – ein makabres „Wochenend-Hobby“, organisiert von serbischen Militäreinheiten.
Nach Informationen aus italienischen Ermittlerkreisen sollen über 200 Männer, darunter auch Deutsche, Franzosen, Spanier, Kanadier und Amerikaner, an diesen sogenannten „Wochenend-Scharfschützen-Safaris“ teilgenommen haben. Die Teilnehmer zahlten demnach Summen von bis zu 400.000 Euro – „so viel, wie man heute für eine Dreizimmerwohnung in Mailand bezahlt“, sagte der Journalist Ezio Gavazzeni, der die Recherchen ins Rollen brachte.
Laut Gavazzeni und dem ehemaligen bosnischen Geheimdienstagenten Edin Subašić wurden diese „Safaris“ zwischen 1993 und 1995 von der serbischen Armee und paramilitärischen Einheiten organisiert. Die „Jäger“ – wohlhabende Geschäftsleute und Freiberufler, heute meist zwischen 65 und 80 Jahre alt – seien über Triest nach Bosnien gereist, von dort weiter per Militärhubschrauber an strategische Positionen rund um Sarajevo gebracht worden.
„Diese Männer arbeiteten bis Freitag, flogen übers Wochenende in den Krieg, schossen auf Frauen und Kinder – und waren Montag wieder im Büro“, berichtet Gavazzeni. Besonders perfide: Das Töten von Kindern soll extra gekostet haben, wie sowohl Gavazzeni als auch ein slowenischer Geheimdienstoffizier aussagten.
Die Mailänder Staatsanwaltschaft ermittelt wegen vorsätzlichen Mordes unter besonders grausamen Umständen. Zuständig ist die Spezialeinheit ROS der Carabinieri. Ermittler prüfen derzeit Akten des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag sowie Dokumente aus bosnischen und italienischen Geheimdiensten.
Ein gefangener serbischer Soldat hatte bereits in den 1990er-Jahren ausgesagt, er habe persönlich den Transport eines dieser „Jäger“ beobachtet. Auch die ehemalige Bürgermeisterin von Sarajevo, Benjamina Karić, will in dem Verfahren aussagen.
Ob die mutmaßlichen Täter jemals zur Rechenschaft gezogen werden, ist unklar. Viele von ihnen sollen über politische Verbindungen und beträchtlichen Reichtum verfügen. Serbien hat bislang nicht auf die Rechtshilfeersuchen aus Mailand reagiert.
Journalist Gavazzeni bleibt dennoch kämpferisch: „Ich habe alle Beweise eingereicht, die ich finden konnte – Zeugenaussagen, Berichte, Dokumente. Es darf nicht vergessen werden, dass Sarajevo der Ort war, an dem Menschen zu Zielen wurden. Und manche haben dafür bezahlt.“