Dark Mode Light Mode

Schottland eröffnet erstes staatlich überwachtes Drogenkonsumzentrum des Vereinigten Königreichs

Roses_Street (CC0), Pixabay

In einem unscheinbaren Gebäude im Osten Glasgows läuft seit Januar ein bahnbrechendes Pilotprojekt, das die bisherige Drogenpolitik im Vereinigten Königreich grundlegend infrage stellt: Mit dem „Thistle“ wurde das erste staatlich unterstützte Drogenkonsumzentrum eröffnet. Hier können Menschen illegale Substanzen wie Heroin oder Kokain unter medizinischer Aufsicht konsumieren – sicher, hygienisch und ohne strafrechtliche Konsequenzen.

Ein Modell gegen Europas höchste Drogensterblichkeit

Schottland hat die höchste Rate drogenbedingter Todesfälle in Europa. Die Eröffnung des Zentrums ist daher für viele Gesundheitsexperten ein längst überfälliger Schritt hin zu mehr Menschlichkeit und Pragmatismus im Umgang mit Abhängigkeit.

Im „Thistle“ – benannt nach der schottischen Nationalblume – bereiten Drogenkonsumenten ihre mitgebrachten Substanzen selbst vor und injizieren sie in speziell ausgestatteten Kabinen unter Aufsicht von geschultem medizinischem Personal. Die Einrichtung stellt keine Drogen zur Verfügung, wohl aber sterile Ausrüstung, Erste Hilfe bei Überdosierungen und Beratung zur Risikominimierung.

Konkrete Erfolge nach wenigen Monaten

Seit der Eröffnung wurden laut Klinikleiter Dr. Saket Priyadarshi bereits rund 2.500 Injektionen in der Einrichtung vorgenommen – das sind 2.500 weniger auf Straßen, in Parks oder öffentlichen Toiletten. Über 30 medizinische Notfälle seien dabei behandelt worden, mehrere davon potenziell tödliche Überdosierungen. „Diese Menschen hätten außerhalb womöglich nicht überlebt“, betont Priyadarshi.

Auch die schottische Gesundheitsminister Neil Gray spricht von einem „ersten Beweis für den lebensrettenden Effekt der Maßnahme“. Durch die Betreuung vor Ort würden zudem Infektionen mit Hepatitis oder HIV verhindert und gebrauchte Nadeln aus dem öffentlichen Raum entfernt.

Würde statt Stigmatisierung

Der Ansatz des Thistle ist bewusst auf Respekt und Würde ausgerichtet: keine klinisch kalte Umgebung, sondern warme Farben, Bücher, ein Teebereich, Duschen, sogar eine Wäschestation. Nutzer:innen werden nicht in „Befragungsräume“, sondern in „Gesprächsräume“ eingeladen. „Wir wollen, dass sie spüren, dass sich jemand kümmert“, sagt Einrichtungsleiterin Lynn MacDonald.

Kritik: „Sicherer Konsum ist keine Lösung“

Doch nicht alle sehen das Projekt positiv. Annemarie Ward, selbst ehemals abhängig und heute Leiterin der Organisation FAVOR UK, kritisiert, dass das Zentrum zwar Leid lindere, aber keine Perspektive auf Abstinenz biete. „Wenn wir Sucht nur verwalten, aber keinen Ausweg ermöglichen, ist das ethisch bedenklich“, sagte sie gegenüber CNN. Sie befürchtet eine staatlich akzeptierte „Verwaltung des Elends“.

Akzeptanz wächst – aber nicht ohne Widerstand

Im direkten Umfeld berichten einige Anwohner von einer gestiegenen Präsenz von Drogenkonsumenten, andere loben die sichtbare Verbesserung der Sauberkeit im öffentlichen Raum. Die Polizei von Glasgow erklärt, man arbeite eng mit der Einrichtung zusammen und setze auf einen schadensminimierenden Umgang mit Sucht.

Ein international bewährtes Modell

Über 100 ähnliche Einrichtungen gibt es bereits weltweit – unter anderem in der Schweiz, Deutschland, Kanada und den USA. Großbritannien zog bislang nicht mit, vor allem wegen rechtlicher Hürden und politischem Widerstand. Die schottische Staatsanwaltschaft stellt nun jedoch klar: Nutzer des Thistle müssen keine Strafverfolgung fürchten – zumindest solange keine weiteren strafrechtlich relevanten Handlungen vorliegen.

Fazit

Das Thistle markiert einen Paradigmenwechsel in der britischen Drogenpolitik. Es ist kein Freifahrtschein für Drogenkonsum – sondern ein geschützter Raum für Menschen, die sonst im Schatten konsumieren würden. Für viele Angehörige von Betroffenen, wie Margaret Montgomery, ist das schon viel: „Ich bin froh, dass es diesen Ort gibt. Wenn es ihn früher gegeben hätte, wäre meinem Sohn vielleicht einiges erspart geblieben.“

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Previous Post

China lehnt russische Niederlage im Ukraine-Krieg ab – laut EU-Gesprächspartner mit Blick auf eigene Interessen

Next Post

Erstes Malaria-Medikament für Neugeborene kurz vor breiter Zulassung in Afrika