In einem vertraulichen Gespräch mit der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas hat Chinas Außenminister Wang Yi nach Angaben eines EU-Offiziellen deutlich gemacht, dass Peking eine Niederlage Russlands im Krieg gegen die Ukraine nicht akzeptieren könne. Grund: Ein geschwächtes Russland könnte es den USA ermöglichen, sich voll auf China zu konzentrieren – eine geopolitische Entwicklung, die Peking offenbar vermeiden will.
Die Äußerung fiel demnach während eines mehrstündigen Treffens am Mittwoch in Brüssel, bei dem eine Vielzahl heikler Themen zur Sprache kam – darunter Cybersicherheit, Handelsungleichgewichte, Taiwan und der Nahostkonflikt. Der Gesprächspartner beschrieb die Atmosphäre als „hart, aber respektvoll“.
Wangs angebliche Aussage steht in deutlichem Widerspruch zur offiziellen chinesischen Haltung, wonach Peking im Ukraine-Krieg neutral sei. Öffentlich fordert China seit Beginn der Invasion eine „Verhandlungslösung“, betont seine Rolle als „vermittelnder Akteur“ und lehnt eine direkte Parteinahme ab.
Öffentliche Distanz – private Klarheit?
Am Freitag wiederholte Chinas Außenamtssprecherin Mao Ning bei einer Pressekonferenz in Peking die bekannte Linie: „China ist keine Partei im Ukraine-Konflikt. Unsere Position ist objektiv und konstant – sie basiert auf Verhandlung, Waffenstillstand und Frieden.“ Ein langwieriger Krieg diene niemandem, fügte sie hinzu.
Doch hinter den Kulissen zeigt sich ein anderes Bild. China hatte kurz vor Kriegsbeginn 2022 eine „grenzenlose Partnerschaft“ mit Russland erklärt. Seither haben sich die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen der beiden autoritär geführten Staaten weiter intensiviert. Beobachter vermuten: China nutzt Russlands Isolation, um selbst geopolitisch Raum zu gewinnen – ohne militärisch in den Krieg einzugreifen.
Indirekte Hilfe – klare Vorwürfe
Zugleich sieht sich Peking zunehmend dem Vorwurf ausgesetzt, Russland indirekt zu unterstützen. Mehrere chinesische Firmen wurden von der Ukraine sanktioniert, da sie mutmaßlich Komponenten für Drohnen und Raketentechnologie nach Russland liefern sollen. China weist diese Vorwürfe kategorisch zurück.
Nach dem jüngsten russischen Großangriff auf Kiew präsentierte der ukrainische Außenminister Andrii Sybiha angebliche Trümmerteile einer „Geran-2“-Drohne, deren Komponenten laut Aufschrift aus China stammten – produziert am 20. Juni 2025. Zugleich bestätigte Sybiha, dass bei dem Angriff auch das chinesische Konsulat in der Hafenstadt Odessa leicht beschädigt wurde. Für ihn ein Symbol dafür, „wie Putin seinen Krieg eskaliert und dabei auch andere Staaten, darunter Nordkorea, Iran und einzelne chinesische Hersteller, in Mitleidenschaft zieht.“
Chinesische Freiwillige in russischen Uniformen?
Darüber hinaus gibt es auch Berichte, wonach chinesische Staatsangehörige auf russischer Seite in der Ukraine kämpfen sollen. Peking bestreitet jede offizielle Beteiligung und ruft seine Bürger regelmäßig dazu auf, sich nicht an militärischen Auseinandersetzungen zu beteiligen.
Fazit: China laviert, aber positioniert sich
Während China nach außen Neutralität beteuert, machen vertrauliche Aussagen wie die von Außenminister Wang Yi deutlich, dass Peking eigene strategische Interessen im Ukraine-Krieg verfolgt. Eine russische Niederlage käme für China zur Unzeit – denn der nächste große geopolitische Konflikt, da sind sich viele Beobachter einig, könnte im Pazifikraum stattfinden.