Die US-Katastrophenschutzbehörde FEMA hat über Jahre hinweg wiederholt Gebäude des renommierten Mädchenferienlagers Camp Mystic aus der offiziellen 100-Jahres-Flutkarte gestrichen – teils kurz bevor das Camp in einer als hochwassergefährdet bekannten Region erweitert wurde. Dies geht aus Recherchen der Nachrichtenagentur AP hervor.
Das Camp, idyllisch am Ufer des Guadalupe River gelegen, wurde in den frühen Morgenstunden des 4. Juli von historischen Sturzfluten heimgesucht. Mindestens 27 Kinder und Betreuerinnen sowie der langjährige Besitzer Dick Eastland kamen dabei ums Leben. Noch immer gelten über 170 Menschen in der Region als vermisst.
Lockerung der Auflagen trotz Hochwassergefahr
FEMA hatte das Camp Mystic 2011 ursprünglich als Teil einer „besonderen Hochwassergefahrenzone“ ausgewiesen – mit strengen Bauvorschriften und Pflicht zum Abschluss einer Hochwasserversicherung. Doch auf Antrag des Camps entfernte die Behörde 2013 zunächst 15 Gebäude des historischen Standorts aus der Gefahrenkarte, 2019 und 2020 folgten weitere 15 Bauten des neu errichteten Erweiterungsgeländes „Cypress Lake“.
Kritiker wie Sarah Pralle, Professorin an der Syracuse University, bezeichnen die Vorgänge als „besorgniserregend“ – insbesondere da das Camp für die Sicherheit hunderter Kinder verantwortlich sei. „Es ist kaum nachvollziehbar, warum man nicht proaktiv gehandelt hat, um gefährdete Bauten zu verlegen – oder die ursprüngliche Kartenlage sogar anzweifelte.“
Risiko war bekannt – aber unterschätzt
Datenanalysen zeigen: Zahlreiche Gebäude des ursprünglichen Camp Mystic lagen vollständig innerhalb der 100-Jahres-Flutzone. Auch der modernere Standort Cypress Lake war laut dem unabhängigen Klimadatendienst First Street gefährdet – obwohl FEMA dort keinen offiziellen Flutbereich auswies. Das verdeutlicht, dass FEMA-Karten vor allem Mindestanforderungen abbilden, aber reale Risiken mitunter unterschätzen.
Laut Experten könnte das Camp versucht haben, durch die Kartenänderungen Auflagen zu umgehen oder Versicherungsbeiträge zu senken. FEMA selbst erklärte, Flutkarten seien nur „Momentaufnahmen“ und keine Vorhersagen.
Kritik an ungleicher Genehmigungspraxis
Pralle, die hunderte dieser Karteneinträge wissenschaftlich untersucht hat, weist auf ein strukturelles Problem hin: Etwa 90 % aller Änderungsanträge an FEMA würden bewilligt – überproportional häufig in wohlhabenden Regionen. Der Zugang zu dieser teuren und technisch aufwendigen Prozedur sei ungleich verteilt.
Tatsächlich lag bei mehreren Gebäuden der neue berechnete Flutbereich nur Zentimeter unterhalb der offiziellen Gefahrenzone – ein Spielraum, der sich nun als fatal erwies.
Erweiterung trotz Warnungen
Trotz Warnungen und bestehender Hochwasserzonen wurde Camp Mystic in den vergangenen Jahren erheblich ausgebaut. Das zweite Gelände Cypress Lake erhielt zusätzliche Kabinen, eine Kapelle und eine Kantine. Zum Zeitpunkt der Flut hielten sich mehr als 650 Personen in beiden Camps auf. Bei einer staatlichen Inspektion zwei Tage vor der Katastrophe war keine Rede von Risiken.
“Mutter Natur hat die Standards neu gesetzt“
Chris Steubing vom texanischen Verband für Hochwassermanagement erklärte, die Flut habe alles bisher Dagewesene übertroffen: „Selbst wenn man zwei oder drei Fuß höher gebaut hätte – es hätte nichts geändert.“ Dennoch müsse die Frage erlaubt sein, ob Regulierungsbehörden, Betreiber und Lokalpolitik ihren Schutzauftrag gegenüber Kindern ausreichend ernst genommen haben.