Die dramatische Treibstoffknappheit im Gazastreifen zwingt Ärztinnen und Ärzte dazu, mehrere neugeborene Babys in einen einzigen Brutkasten zu legen. Inmitten des sich verschärfenden Gesundheitsnotstands schlagen medizinische Einrichtungen und internationale Hilfsorganisationen Alarm.
Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) warnte, dass der Treibstoffnotstand „einen kritischen Punkt erreicht“ habe. Es gebe kaum noch zugängliche Vorräte, und Krankenhäuser müssten Strom rationieren, Rettungswagen stünden still und Wasseraufbereitungsanlagen seien kurz vor dem Zusammenbruch. „Ohne regelmäßige, ausreichende und sofortige Treibstofflieferungen durch die israelischen Behörden könnten die Todeszahlen bald drastisch steigen“, heißt es in der Erklärung.
Ein Foto, das der Leiter des Al-Ahli-Krankenhauses, Dr. Fadel Naim, am Mittwoch auf der Plattform X veröffentlichte, zeigt vier Neugeborene, die sich in einer überfüllten Intensivstation des Al-Helou-Krankenhauses einen Brutkasten teilen. „Das ist nicht nur ein Mangel an Geräten – das ist eine direkte Folge des anhaltenden Krieges und der lähmenden Blockade, die das gesamte Gesundheitssystem zum Erliegen bringt“, schrieb Naim.
Zentrale Versorgungseinrichtungen vor dem Kollaps
Der Direktor des größten Krankenhauses im Norden des Gazastreifens, Al-Shifa, teilte CNN mit, dass der Treibstoff nur noch für wenige Stunden reiche. „Wenn in den nächsten Stunden kein Treibstoff geliefert wird, ist das Krankenhaus nicht mehr funktionsfähig – mit potenziell tödlichen Folgen für Hunderte Patientinnen und Patienten, darunter 22 Neugeborene in Brutkästen“, warnte Dr. Mohammad Abu Silmiya. Bereits jetzt seien Dialysestationen geschlossen worden, um die Intensivmedizin und Operationssäle aufrechtzuerhalten.
Auch das Nasser Medical Complex meldete, dass nur noch Treibstoff für 24 Stunden zur Verfügung stehe. Man konzentriere sich ausschließlich auf lebenswichtige Bereiche wie Geburtshilfe und Intensivstation.
Kritische Infrastruktur bedroht
Neben fehlendem Treibstoff gefährdet der Mangel an Ersatzteilen für Generatoren die medizinische Grundversorgung zusätzlich. Das Al-Aqsa-Märtyrerkrankenhaus berichtete, dass der Hauptgenerator wegen fehlender Ersatzteile ausgefallen sei – man arbeite nun notdürftig mit einem schwächeren Notstromgerät. „Der Treibstoff wird in wenigen Stunden ausgehen – das Leben Hunderter Patienten ist in Gefahr“, hieß es in einem dringenden Appell.
Auch außerhalb der Krankenhäuser ist Treibstoff lebensnotwendig: zur Trinkwasseraufbereitung, zum Betrieb von Abwasseranlagen, für Rettungsfahrzeuge und zur Grundversorgung der mehr als zwei Millionen Menschen im Gazastreifen.
Internationale Hilfe unzureichend – NGOs fordern sofortigen Zugang
Trotz begrenzter Hilfslieferungen seit Mai halten Hilfsorganisationen die Versorgung für völlig unzureichend. Ärzte ohne Grenzen (MSF) spricht von einer „noch nie dagewesenen humanitären Katastrophe“. Die Organisation forderte am Dienstag einen sofortigen Waffenstillstand sowie umfassende humanitäre Hilfe. „Unsere Teams versuchen unter Dauerbeschuss, Verletzte zu versorgen und überfüllte Krankenhäuser zu unterstützen“, so MSF. Man rufe Israel und die „komplizenhaften Regierungen, darunter das Vereinigte Königreich“, auf, die Blockade zu beenden und das „drohende Verschwinden der palästinensischen Bevölkerung aus Gaza“ zu verhindern.
Israel beschränkt die Einfuhr von Treibstoff seit Beginn der Offensive. Die israelische Regierung hatte wiederholt erklärt, dass Treibstoff von der Hamas zum Bau und Einsatz von Waffen missbraucht werden könne. CNN hat bei der zuständigen israelischen Koordinierungsstelle COGAT um eine Stellungnahme gebeten.