Die deutsche Wirtschaft kommt bei den Unternehmensinsolvenzen nicht zur Ruhe. Während Politik und Unternehmen auf eine konjunkturelle Erholung hoffen, rechnen Experten damit, dass die Zahl der Firmenpleiten zunächst weiter steigen wird. Eine nachhaltige Trendwende könnte nach Einschätzung von Creditreform sogar erst im späteren Verlauf des Jahres 2027 einsetzen.
Die Ausgangslage ist bereits angespannt: Im ersten Halbjahr 2026 registrierte Creditreform rund 12.900 Unternehmensinsolvenzen. Das waren 7,8 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum und zugleich der höchste Halbjahreswert seit 2013.
Damit dürfte die Diskussion über eine deutsche „Pleitewelle“ vorerst nicht verschwinden.
Creditreform: Höhepunkt möglicherweise noch nicht erreicht
Besonders deutlich fällt die Einschätzung von Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, aus. Er erwartet, dass die Unternehmensinsolvenzen bis zum Jahresende weiter zunehmen werden. Eine Trendumkehr hält er frühestens 2027 für realistisch – wahrscheinlich sogar erst im späteren Jahresverlauf.
Bereits bei Vorstellung der Halbjahreszahlen im Juni hatte Hantzsch gewarnt, der Höhepunkt bei den Firmenpleiten sei noch nicht erreicht.
Hinter der Entwicklung steckt nicht nur ein kurzfristiges Problem. Mehrere Jahre mit schwacher wirtschaftlicher Entwicklung haben die Widerstandskraft zahlreicher Unternehmen reduziert. Creditreform verweist darauf, dass viele Betriebe nach Jahren von Stagnation und Rezession finanziell geschwächt sind. Zusätzliche Belastungen durch hohe Energiepreise verschärfen die Lage.
Von der Krise sind nicht mehr nur kleine Unternehmen betroffen
Für Arbeitnehmer, Geschäftspartner und Gläubiger ist eine weitere Entwicklung von besonderer Bedeutung: Die Insolvenzprobleme beschränken sich nicht auf Kleinstunternehmen.
Nach aktuellen Berichten geraten zunehmend auch Firmen mit mehreren hundert Beschäftigten in Schwierigkeiten. Das erhöht die möglichen Folgewirkungen einer Insolvenz erheblich.
Bei einem kleinen Betrieb sind unmittelbar vielleicht einige Arbeitsplätze und eine überschaubare Zahl von Gläubigern betroffen. Bei einem größeren Mittelständler können dagegen Hunderte Beschäftigte, Zulieferer, Vermieter, Banken und andere Geschäftspartner gleichzeitig betroffen sein.
Eine Unternehmensinsolvenz kann deshalb weitere wirtschaftliche Probleme entlang einer ganzen Lieferkette auslösen.
28,5 Milliarden Euro möglicher Schaden für Gläubiger
Die Dimension zeigt sich auch bei den finanziellen Schäden.
Creditreform bezifferte die geschätzten Insolvenzschäden für das erste Halbjahr 2026 auf rund 28,5 Milliarden Euro.
Diese Summe macht deutlich, dass Unternehmensinsolvenzen weit mehr sind als statistische Einträge bei Insolvenzgerichten.
Hinter den Milliardenforderungen stehen Banken, Lieferanten, Handwerksbetriebe, Vermieter und andere Gläubiger. Kann ein insolventes Unternehmen Rechnungen nicht mehr vollständig begleichen, müssen möglicherweise auch wirtschaftlich gesunde Geschäftspartner Verluste verkraften.
Gerade für kleinere Lieferanten kann der Ausfall eines großen Kunden selbst zu einem Liquiditätsproblem werden.
Junge Unternehmen geraten besonders schnell unter Druck
Auffällig ist zudem die Entwicklung bei jungen Firmen.
Bei Unternehmen, die höchstens zwei Jahre am Markt waren, stieg die Zahl der Insolvenzen im ersten Halbjahr 2026 nach den Creditreform-Daten um 25,3 Prozent.
Das ist nachvollziehbar: Junge Unternehmen verfügen häufig noch nicht über große finanzielle Rücklagen oder langjährige Kundenbeziehungen. Gleichzeitig müssen sie Investitionen finanzieren und ihr Geschäftsmodell erst dauerhaft am Markt etablieren.
Steigen Finanzierungskosten, Energiepreise oder Personalkosten, kann der finanzielle Spielraum schnell verschwinden.
Auch etablierte Unternehmen haben ihre Reserven verbraucht
Die lange Dauer der wirtschaftlichen Schwächephase ist ein entscheidender Faktor.
Unternehmen können ein schlechtes Quartal oder ein schwaches Geschäftsjahr häufig verkraften. Schwieriger wird es, wenn mehrere Krisen aufeinanderfolgen.
Pandemie, Lieferkettenprobleme, Energiepreisschocks, Inflation, gestiegene Zinsen und schwache Nachfrage haben sich für manche Unternehmen zu einer jahrelangen Belastung entwickelt.
Damit verändert sich auch die Qualität der Insolvenzkrise: Unternehmen, die eine einzelne Belastung noch hätten auffangen können, geraten nach mehreren schwierigen Jahren an die Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten.
Die Hoffnung ruht auf einer wirtschaftlichen Erholung
Für Creditreform ist deshalb die Konjunkturentwicklung entscheidend. Eine Stabilisierung bei den Insolvenzen wird erst erwartet, wenn die Wirtschaft wieder nachhaltig wächst.
Genau darin liegt das Problem: Selbst wenn sich die gesamtwirtschaftliche Lage verbessert, bedeutet das nicht, dass die Insolvenzzahlen unmittelbar zurückgehen.
Insolvenzen reagieren häufig zeitverzögert auf wirtschaftliche Veränderungen. Ein Unternehmen, dessen Eigenkapital und Liquidität bereits weitgehend aufgezehrt sind, wird nicht automatisch gerettet, nur weil Auftragseingänge einige Monate später wieder steigen.
Deshalb kann die Zahl der Insolvenzen noch hoch bleiben, während erste Konjunkturindikatoren bereits nach oben zeigen.
Die amtlichen Zahlen liefern das nächste Puzzlestück
Neue offizielle Daten stehen unmittelbar bevor. Das Statistische Bundesamt will am 14. August 2026 die Insolvenzstatistik für Mai veröffentlichen.
Dabei ist allerdings wichtig, zwischen unterschiedlichen Statistiken zu unterscheiden.
Die rund 12.900 Fälle für das erste Halbjahr stammen aus der Creditreform-Auswertung. Die amtlichen Insolvenzstatistiken des Statistischen Bundesamtes werden mit zeitlichem Abstand veröffentlicht. Unterschiedliche Veröffentlichungszeitpunkte und Erhebungsmethoden sollten deshalb nicht miteinander vermischt werden.
Nicht jede Insolvenz bedeutet das endgültige Aus
Auch der Begriff „Firmenpleite“ kann missverständlich sein.
Ein Insolvenzverfahren bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Unternehmen sofort geschlossen und sämtliche Arbeitsplätze verloren gehen. Das Insolvenzrecht eröffnet auch Möglichkeiten zur Sanierung und Fortführung.
Ob das gelingt, hängt allerdings von vielen Faktoren ab: Ist das operative Geschäftsmodell grundsätzlich tragfähig? Gibt es Investoren? Können Kosten reduziert werden? Stimmen Gläubiger einem Sanierungskonzept zu? Und reicht die Liquidität aus, um den Betrieb während des Verfahrens aufrechtzuerhalten?
Gerade deshalb sollte nicht jede Insolvenzanmeldung automatisch mit einer endgültigen Unternehmensaufgabe gleichgesetzt werden.
Für Anleger und Geschäftspartner steigt die Bedeutung der Bonitätsprüfung
Die Entwicklung ist auch für Anleger, Lieferanten und andere Geschäftspartner relevant.
In einer Phase steigender Insolvenzen gewinnt die Frage an Bedeutung, wie stabil ein Unternehmen tatsächlich finanziert ist. Umsatzwachstum allein reicht dafür nicht aus.
Interessant sind vielmehr Eigenkapital, Verschuldung, Liquidität, operativer Cashflow und Fälligkeit größerer Kredite. Auch dauerhaft verspätete Zahlungen können ein Warnsignal darstellen.
Für Anleger gilt das insbesondere bei Unternehmensanleihen, Nachrangdarlehen und anderen Beteiligungsmodellen. Ein attraktiver Zinssatz sollte immer im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Risiko des Emittenten betrachtet werden.
Deutschland steht vor einem langen Bereinigungsprozess
Die aktuellen Zahlen zeigen damit ein schwieriges Bild.
Einerseits können Insolvenzen Teil einer funktionierenden Marktwirtschaft sein: Nicht tragfähige Geschäftsmodelle verschwinden, Unternehmen werden restrukturiert und Kapital wird neu verteilt.
Problematisch wird es jedoch, wenn nicht nur strukturell schwache Unternehmen ausscheiden, sondern grundsätzlich wettbewerbsfähige Betriebe aufgrund einer Kombination aus schwacher Nachfrage, hohen Kosten und fehlender Finanzierungsmöglichkeiten aufgeben müssen.
Genau deshalb ist die weitere Entwicklung bis 2027 wirtschaftspolitisch von großer Bedeutung.
Fazit: Die 12.900 Fälle könnten noch nicht der Höhepunkt sein
Mit rund 12.900 Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr 2026 hat Deutschland bereits den höchsten entsprechenden Stand seit 2013 erreicht. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das einen Anstieg um 7,8 Prozent.
Doch aus Sicht von Creditreform ist damit möglicherweise noch nicht der Gipfel erreicht.
Eine echte Entspannung hängt wesentlich davon ab, ob aus ersten Hoffnungen auf wirtschaftliche Erholung tatsächlich nachhaltiges Wachstum entsteht. Selbst dann könnte es dauern, bis sich dies in den Insolvenzstatistiken bemerkbar macht.
Für Arbeitnehmer, Anleger, Lieferanten und Unternehmer lautet die entscheidende Botschaft deshalb: 2026 dürfte kein Jahr der schnellen Entwarnung werden.
Die Frage ist inzwischen weniger, ob weitere Unternehmen in Schwierigkeiten geraten. Entscheidend wird sein, wie lange die Insolvenzwelle anhält, wie viele wirtschaftlich grundsätzlich gesunde Betriebe sie erfasst – und ob 2027 tatsächlich die erhoffte Trendwende bringt.