Für Millionen gesetzlich Krankenversicherte könnte sich ein genauer Blick auf die eigene Krankenkasse finanziell lohnen. Ein von der rbb-Verbraucherredaktion aufgegriffener Vergleich der Stiftung Warentest zeigt erhebliche Unterschiede bei den Beitragssätzen. Gleichzeitig unterscheiden sich die Kassen bei freiwilligen Zusatzleistungen und Bonusprogrammen.
Das überraschende Ergebnis: Eine günstigere Krankenkasse muss bei den Leistungen keineswegs schlechter abschneiden. Nach Darstellung des rbb bieten einige preiswerte Kassen ein ähnlich breites oder sogar umfangreicheres Zusatzangebot als teurere Wettbewerber.
Damit stellt sich für Versicherte eine Frage, die angesichts steigender Kosten im Gesundheitswesen zunehmend relevant wird: Zahle ich bei meiner Krankenkasse mehr als nötig?
Bis zu 660 Euro Unterschied im Jahr
Stiftung Warentest untersuchte für ihren Vergleich 67 gesetzliche Krankenkassen, die zusammen rund 98 Prozent der gesetzlich Versicherten abdecken.
Dabei reicht der Gesamtbeitrag nach den im rbb-Beitrag genannten Zahlen von 16,78 bis 18,99 Prozent.
Schon bei einem monatlichen Bruttoeinkommen von 3.000 Euro kann der Unterschied zwischen einer günstigen und einer teuren bundesweit geöffneten Kasse demnach für Versicherte rund 340 Euro pro Jahr ausmachen.
Bei Gutverdienenden kann die jährliche Differenz sogar bis zu 660 Euro erreichen.
Über mehrere Jahre betrachtet entstehen daraus beachtliche Beträge. Wer beispielsweise dauerhaft 500 Euro jährlich weniger zahlt, kommt innerhalb von fünf Jahren rechnerisch auf 2.500 Euro Ersparnis – vorausgesetzt natürlich, die Beitragsunterschiede bleiben bestehen.
Warum die Krankenkassen unterschiedlich teuer sind
Der allgemeine Beitragssatz der gesetzlichen Krankenversicherung beträgt 14,6 Prozent des beitragspflichtigen Einkommens.
Hinzu kommt der Zusatzbeitrag.
Und genau dort entstehen Unterschiede: Den Zusatzbeitrag legt jede Krankenkasse selbst fest. Arbeitnehmer und Arbeitgeber tragen ihn grundsätzlich jeweils zur Hälfte. Bei Rentnern erfolgt die Finanzierung entsprechend gemeinsam mit der Rentenversicherung.
Für einen Arbeitnehmer bedeutet ein höherer Zusatzbeitrag deshalb nicht, dass er den gesamten Unterschied alleine tragen muss. Trotzdem kann sich ein Wechsel bei entsprechendem Einkommen deutlich bemerkbar machen.
Billiger muss nicht schlechter bedeuten
Besonders interessant ist ein zweites Ergebnis des Vergleichs: Versicherte müssen sich offenbar nicht zwangsläufig zwischen einem günstigen Beitrag und guten Zusatzleistungen entscheiden.
Einige preiswerte Krankenkassen bieten laut Stiftung Warentest ein ebenso breites oder teilweise sogar breiteres Zusatzangebot als teurere Wettbewerber.
Das widerspricht der naheliegenden Annahme, ein höherer Beitrag müsse automatisch mit einem besseren Leistungsangebot verbunden sein.
Bei der gesetzlichen Krankenversicherung ist ein großer Teil der Leistungen ohnehin gesetzlich vorgeschrieben. Unterschiede entstehen vor allem bei freiwilligen Angeboten und beim Service.
Diese sechs Zusatzleistungen wurden untersucht
Stiftung Warentest nahm sechs bei Versicherten beliebte Zusatzbereiche genauer unter die Lupe: professionelle Zahnreinigung, Osteopathie, Gesundheitskurse, sportmedizinische Untersuchungen, alternative Arzneimittel und Reiseimpfungen.
Gerade hier kann sich ein scheinbar höherer Beitrag für einzelne Versicherte trotzdem rechnen.
Ein Beispiel: Wer regelmäßig Osteopathie in Anspruch nimmt oder häufig außerhalb Europas reist und bestimmte Reiseimpfungen benötigt, könnte mit einer Kasse besser fahren, die dafür hohe Zuschüsse leistet – selbst wenn deren Zusatzbeitrag etwas höher liegt.
Der reine Beitragsvergleich greift deshalb zu kurz.
Jeder Versicherte braucht einen anderen Vergleich
Die entscheidende Frage lautet nicht: Welche Krankenkasse ist insgesamt die beste?
Sondern: Welche Krankenkasse passt am besten zu meinem persönlichen Bedarf?
Für einen jungen, gesunden Versicherten, der kaum zusätzliche Leistungen beansprucht, kann ein niedriger Beitrag besonders wichtig sein.
Eine Familie könnte dagegen stärker auf Vorsorgeangebote, Bonusprogramme und zusätzliche Leistungen für Kinder achten. Für sportlich aktive Menschen können Gesundheitskurse und sportmedizinische Untersuchungen interessant sein.
Andere Versicherte legen wiederum besonderen Wert auf Geschäftsstellen vor Ort oder eine gut erreichbare telefonische Beratung.
Bonusprogramme können die Rechnung verändern
Neben Zusatzbeitrag und Extraleistungen sollte ein weiterer Faktor berücksichtigt werden: die Bonusprogramme.
Viele Krankenkassen belohnen gesundheitsbewusstes Verhalten. Je nach Programm können beispielsweise Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen oder sportliche Aktivitäten berücksichtigt werden.
Wer die Voraussetzungen ohnehin erfüllt, kann dadurch zusätzliche finanzielle Vorteile erzielen.
Allerdings sollte man sich nicht von einem hohen theoretischen Maximalbonus blenden lassen. Entscheidend ist, welche Anforderungen tatsächlich erfüllt werden müssen und ob das Programm zum eigenen Alltag passt.
Service lässt sich schwieriger vergleichen
Während sich Beitragssätze relativ einfach gegenüberstellen lassen, wird es bei der Qualität des Kundenservices komplizierter.
Die Verbraucherzentrale weist laut rbb darauf hin, dass sich die Qualität einer Krankenkasse insgesamt nur eingeschränkt vergleichen lässt.
Erreichbarkeit, Geschwindigkeit bei der Bearbeitung, Kompetenz der Ansprechpartner oder der Umgang mit komplizierten Leistungsanträgen lassen sich kaum auf eine einzige Kennzahl reduzieren.
Erfahrungen anderer Versicherter können deshalb eine zusätzliche Informationsquelle sein – sollten allerdings ebenfalls nicht unkritisch als repräsentativ angesehen werden.
Der Wechsel ist einfacher, als viele Versicherte denken
Ein wesentliches Hindernis für einen Krankenkassenwechsel dürfte schlicht Bequemlichkeit sein. Viele Versicherte erwarten Papierkram, Kündigungsschreiben und komplizierte Formalitäten.
Tatsächlich ist das Verfahren inzwischen vergleichsweise unkompliziert.
Wer die Krankenkasse wechseln möchte, stellt grundsätzlich einen Mitgliedsantrag bei der neuen Kasse. Die beteiligten Krankenkassen klären den Wechsel anschließend über einen elektronischen Datenaustausch. Ein separates Kündigungsschreiben an die bisherige Kasse ist im regulären Wechselverfahren grundsätzlich nicht erforderlich.
Dem Arbeitgeber muss die neue Krankenkasse mitgeteilt werden; die Mitgliedschaft wird anschließend über das elektronische Meldeverfahren bestätigt.
Normalerweise gilt eine Bindungsfrist
Ganz ohne Regeln funktioniert der Wechsel allerdings nicht.
Nach den im rbb-Beitrag wiedergegebenen Informationen können Versicherte nach einer regulären Bindungsfrist von zwölf Monaten die Krankenkasse wechseln. Dabei sind die entsprechenden Fristen zu beachten.
Besondere Möglichkeiten können sich ergeben, wenn eine Krankenkasse ihren Zusatzbeitrag erhöht.
Auch bei einem Arbeitgeberwechsel gelten Besonderheiten. Wer mit Beginn eines neuen Beschäftigungsverhältnisses die Krankenkasse wechseln möchte, muss die dafür vorgesehenen Fristen beachten.
Vorsicht bei Wahltarifen
Einen wichtigen Sonderfall stellen Wahltarife dar.
Wer bei seiner bisherigen Krankenkasse beispielsweise einen speziellen Tarif für Krankengeld oder bestimmte Prämienmodelle abgeschlossen hat, kann länger an die Kasse gebunden sein.
Vor einem Wechsel sollte deshalb zunächst überprüft werden, ob ein solcher Tarif besteht und welche Bindungsfrist dafür gilt.
Sonst kann aus dem vermeintlich unkomplizierten Wechsel eine unerwartete Verzögerung werden.
Bei laufenden Behandlungen nicht vorschnell wechseln
Besonders sorgfältig sollten Versicherte vorgehen, die aktuell umfangreichere medizinische Leistungen erhalten.
Der rbb nennt unter Berufung auf Stiftung Warentest beispielsweise Psychotherapie und Pflegeleistungen.
In solchen Situationen kann es sinnvoll sein, sich vor dem Wechsel schriftlich bestätigen zu lassen, wie die neue Krankenkasse mit der bereits begonnenen Behandlung beziehungsweise Leistung umgehen wird.
Bei bestimmten Therapien kann es sogar sinnvoll sein, zunächst bei der bisherigen Krankenkasse zu bleiben.
Hier zeigt sich besonders deutlich: Ein paar Euro weniger Zusatzbeitrag sollten niemals das einzige Entscheidungskriterium sein.
Auch bei Hilfsmitteln kann es Probleme geben
Ein weiterer Punkt betrifft Hilfsmittel, die über die Krankenkasse bereitgestellt werden.
Je nach Vertragsgestaltung kann es beim Wechsel erforderlich werden, bisher genutzte Hilfsmittel zurückzugeben oder die Versorgung neu zu organisieren.
Wer dauerhaft auf entsprechende Produkte angewiesen ist, sollte deshalb vor dem Kassenwechsel mit der neuen Krankenkasse klären, wie die Versorgung fortgeführt wird.
Das Ziel muss sein, Versorgungslücken zu vermeiden.
Vier Angaben reichen für den Antrag
Für einen regulären Wechsel werden nach Darstellung des rbb nur wenige Unterlagen beziehungsweise Angaben benötigt. Dazu gehören der Mitgliedsantrag der neuen Krankenkasse, die Sozialversicherungsnummer, Angaben zum Arbeitgeber und ein Passfoto für die neue Gesundheitskarte.
Viele Kassen ermöglichen den Mitgliedsantrag inzwischen online.
Die technische Hürde für einen Wechsel ist damit vergleichsweise niedrig.
340 Euro sparen – aber vielleicht 400 Euro Leistungen verlieren?
Genau deshalb lohnt sich vor dem Wechsel eine individuelle Rechnung.
Angenommen, ein Versicherter könnte durch eine günstigere Krankenkasse jährlich 340 Euro beim Beitrag sparen. Gleichzeitig übernimmt seine bisherige Kasse aber Leistungen, die er regelmäßig nutzt und die bei der neuen Kasse nicht oder nur teilweise bezahlt werden.
Dann kann sich das vermeintliche Sparmodell schnell relativieren.
Der richtige Vergleich lautet deshalb nicht:
Beitrag alte Kasse gegen Beitrag neue Kasse.
Sondern:
Beiträge minus tatsächlich nutzbare Zusatzleistungen und Boni – unter Berücksichtigung der persönlichen Versorgung.
Erst daraus ergibt sich ein sinnvoller wirtschaftlicher Vergleich.
Steigende Gesundheitskosten machen den Vergleich wichtiger
Die Unterschiede zwischen den Krankenkassen gewinnen zusätzlich an Bedeutung, weil das deutsche Gesundheitssystem unter erheblichem Kostendruck steht.
Für Versicherte bedeutet das: Der Zusatzbeitrag ist längst keine kleine Nebengröße mehr.
Wer jahrelang bei derselben Krankenkasse bleibt, ohne Beitrag und Leistungen zu vergleichen, kann deshalb unnötig viel bezahlen.
Andererseits wäre es ebenso kurzsichtig, ausschließlich wegen des niedrigsten Beitragssatzes zu wechseln.
Fazit: Krankenkassentreue kann teuer werden – blinder Spartrieb aber auch
Der Vergleich von Stiftung Warentest zeigt, dass ein Krankenkassenwechsel finanziell durchaus interessant sein kann. Mehrere Hundert Euro pro Jahr sind je nach Einkommen und bisheriger Kasse möglich.
Besonders bemerkenswert ist, dass günstigere Krankenkassen laut Untersuchung nicht automatisch schlechtere Zusatzleistungen bieten.
Für Versicherte eröffnet das die Chance, gleichzeitig Beiträge zu reduzieren und Leistungen zu verbessern.
Doch dafür muss genauer hingeschaut werden: Zusatzbeitrag, Zahnreinigung, Osteopathie, Reiseimpfungen, Bonusprogramme, Service und persönliche Behandlungen gehören gemeinsam auf den Prüfstand.
Wer bereits Psychotherapie, Pflegeleistungen oder bestimmte Hilfsmittel erhält, sollte einen Wechsel besonders sorgfältig vorbereiten.
Die entscheidende Erkenntnis lautet deshalb: Nicht die billigste Krankenkasse ist automatisch die beste – teuer bei der falschen Kasse zu bleiben, ist aber genauso wenig sinnvoll.
Ein Vergleich kann sich innerhalb weniger Minuten erledigen. Die Ersparnis kann dagegen Jahr für Jahr mehrere Hundert Euro betragen.