Der starke Ausbau der Solarenergie gilt seit Monaten als Belastungsprobe für das deutsche Stromnetz. Vor allem an sonnigen Feiertagen mit geringer Nachfrage wird vor zu viel Solarstrom und möglichen Netzproblemen gewarnt.
Der Chef des Speicher- und Energieunternehmens E3/DC, Andreas Piepenbrink, hält diese Darstellung jedoch für falsch. Nach seinen eigenen Messungen werde der Strom aus kleinen Solaranlagen größtenteils direkt vor Ort verbraucht und überlaste die örtlichen Netze selbst an besonders sonnigen Tagen kaum.
Seine zentrale Aussage lautet: Nicht der Solarstrom sei das eigentliche Problem, sondern fehlende Messdaten, zu wenig intelligente Netzsteuerung und eine falsche Bewertung dezentral erzeugter Energie.
E3/DC wertet Daten von 110.000 Solaranlagen aus
E3/DC betreibt nach eigenen Angaben rund 190.000 Solaranlagen in Deutschland. Für die Untersuchung wurden die Daten der 110.000 größten Anlagen ausgewertet.
Das Unternehmen verfügt nach eigenen Angaben seit Jahren über Energiemanagementsysteme und kann dadurch unter anderem die Spannungen an den angeschlossenen Anlagen in Echtzeit erfassen.
Piepenbrink wollte damit überprüfen, ob der häufig geäußerte Vorwurf stimmt, viele Photovoltaikanlagen ließen die Spannung im Ortsnetz zu stark ansteigen und überlasteten Transformatoren.
Sein Ergebnis: Diese pauschale Annahme bestätigt sich nach Darstellung des Unternehmens nicht.
Solarstrom wird häufig direkt in der Nachbarschaft verbraucht
Nach Piepenbrinks Darstellung verbleibt ein großer Teil des Solarstroms in unmittelbarer Nähe des Erzeugers.
Der Strom werde etwa im eigenen Gebäude, von einer Wärmepumpe, einem Elektroauto oder von benachbarten Haushalten verbraucht.
Nach seiner Rechnung finden kleine Solaranlagen bis 25 Kilowatt für rund 98 Prozent ihres erzeugten Stroms einen Abnehmer vor Ort.
Er bezeichnet diesen Effekt als eine Form des direkten Energiesharings.
Der Strom müsse demnach physikalisch häufig gar nicht über große Entfernungen transportiert werden, obwohl er bilanziell am Strommarkt anders behandelt werde.
Pfingsten: 46 Gigawatt Solarstrom bei 41 Gigawatt Verbrauch
Besonders interessant ist die Auswertung des Pfingstwochenendes 2026.
Zu Spitzenzeiten erzeugten deutsche Solaranlagen nach den im Interview genannten Zahlen etwa 46 Gigawatt Strom, während gleichzeitig nur rund 41 Gigawatt verbraucht wurden.
Solche Situationen gelten normalerweise als Beispiel dafür, dass zu viel Solarstrom gleichzeitig in das Netz eingespeist wird.
Piepenbrink widerspricht dieser Interpretation.
Nach seiner Darstellung wurde ein erheblicher Teil dieses Stroms lokal verbraucht und belastete deshalb die übergeordneten Netzebenen nicht in dem Umfang, wie es die bilanziellen Zahlen vermuten lassen.
Nur 0,15 Prozent der Anschlüsse im kritischen Spannungsbereich
Besonders deutlich fällt die Auswertung der Netzspannungen aus.
Am untersuchten Pfingstwochenende lagen nach Angaben von E3/DC:
80 Prozent der Netzanschlüsse ohne erkennbare Probleme,
rund 18 Prozent im oberen Warnbereich
und lediglich 0,15 Prozent oberhalb von 253 Volt.
Diese Werte wertet Piepenbrink als Beleg dafür, dass von einer flächendeckenden Überlastung der Ortsnetze keine Rede sein könne.
Er räumt allerdings ein, dass lokale Probleme auftreten können.
Diese müssten seiner Ansicht nach aber nicht automatisch mit einem vollständigen Netzausbau beantwortet werden.
Regelbare Ortsnetztrafos statt neue Leitungen
Eine mögliche Lösung sieht Piepenbrink in sogenannten regelbaren Ortsnetztransformatoren.
Solche Trafos können die Spannung automatisch anpassen und dadurch verhindern, dass einzelne Netzbereiche bei hoher Einspeisung an ihre technischen Grenzen gelangen.
Vereinfacht funktioniert das wie ein Spannungsregler: Steigt die Einspeisung stark an, kann der Transformator die Spannung entsprechend anpassen.
Nach Ansicht des E3/DC-Chefs wäre diese Lösung an vielen Stellen günstiger als ein umfangreicher Ausbau der Niederspannungsnetze.
Kritik an den Netzbetreibern
Piepenbrink erhebt im Interview allerdings auch weitreichende Vorwürfe gegen Teile der Energiewirtschaft.
Viele Netzbetreiber wüssten nach seiner Darstellung nicht exakt, wie stark einzelne Leitungsabschnitte tatsächlich ausgelastet seien.
Insbesondere im Ortsnetz fehlten häufig detaillierte Messdaten über Spannungsverläufe und Stromflüsse.
Er kritisiert zudem, dass Netzbetreiber wirtschaftliche Anreize hätten, auf Netzausbau statt auf intelligente Steuerung zu setzen.
Diese Aussagen sind allerdings die Einschätzung von Piepenbrink und nicht unabhängig nachgewiesen.
Vorwurf: Dezentrale Solarenergie bedroht klassische Geschäftsmodelle
Noch weiter geht der E3/DC-Chef bei seiner Kritik an traditionellen Energieversorgern.
Seiner Ansicht nach steht dezentrale Solarenergie in direkter Konkurrenz zum klassischen Stromvertrieb.
Wenn Haushalte mehr Strom selbst erzeugen, speichern und verbrauchen, kaufen sie entsprechend weniger Energie von Versorgungsunternehmen.
Piepenbrink behauptet, sinkende Margen im Stromvertrieb würden teilweise durch steigende Netzentgelte und Netzausbau kompensiert.
Auch hierbei handelt es sich um seine wirtschaftspolitische Bewertung.
Streit um die Einspeisevergütung
Ein weiterer zentraler Punkt ist die geplante Veränderung der Förderung neuer Solaranlagen.
Piepenbrink hält die feste Einspeisevergütung weiterhin für sinnvoll.
Seine Argumentation: Wenn ein Solarhaushalt Strom erzeugt und dieser wenige Häuser weiter verbraucht wird, erhält der Erzeuger lediglich einen vergleichsweise kleinen Betrag pro Kilowattstunde.
Der Nachbar zahlt seinem Energieversorger dagegen weiterhin den vollständigen Strompreis einschließlich Energiepreis, Netzentgelten, Steuern und Abgaben.
Piepenbrink hält es deshalb für problematisch, solchen lokal erzeugten und verbrauchten Strom genauso zu behandeln wie Energie, die über große Entfernungen durch das Netz transportiert werden muss.
Große Stromnetze werden trotzdem weiter gebraucht
Trotz seiner Kritik am Ausbau der Niederspannungsnetze stellt Piepenbrink den grundsätzlichen Bedarf an neuen Stromleitungen nicht infrage.
Insbesondere für den Transport großer Mengen Windstroms aus Norddeutschland in andere Regionen würden die übergeordneten Netze weiterhin benötigt.
Auch große Batteriespeicher könnten zusätzlichen Netzausbau erforderlich machen.
Solche Speicher sollen Stromüberschüsse beispielsweise aus den Mittagsstunden aufnehmen und später am Abend oder in der Nacht wieder abgeben.
Seine Kritik richtet sich deshalb vor allem gegen die pauschale Behauptung, jeder weitere Ausbau kleiner Photovoltaikanlagen verursache automatisch einen umfangreichen Netzausbau.
Fehlende Smart Meter werden zum Problem
Eine deutlich größere technische Hürde sieht Piepenbrink bei der Digitalisierung.
Insbesondere der langsame Ausbau intelligenter Stromzähler könnte die Direktvermarktung von Solarstrom erschweren.
Smart Meter sind notwendig, um Stromerzeugung und Verbrauch zeitgenau zu messen und Marktprozesse automatisiert abzuwickeln.
Nach Ansicht des E3/DC-Chefs sind viele Verteilnetzbetreiber bei diesen digitalen Prozessen noch nicht ausreichend vorbereitet.
Was bedeutet das für private Solaranlagenbesitzer?
Für Eigentümer kleiner Photovoltaikanlagen ist die Diskussion durchaus relevant.
Sollte sich die Einschätzung von E3/DC bestätigen, wäre der weitere Ausbau kleiner Anlagen technisch weniger problematisch als teilweise dargestellt.
Vor allem die Kombination aus Photovoltaik, Batteriespeicher, Wärmepumpe und Elektroauto könnte dazu beitragen, möglichst viel Strom direkt vor Ort zu nutzen.
Allerdings handelt es sich bei der vorgelegten Untersuchung um eine Auswertung eines Unternehmens, das selbst Speicher-, Solar- und Energiemanagementlösungen verkauft.
Die Ergebnisse sind deshalb ein wichtiger Beitrag zur Debatte, ersetzen aber keine unabhängige Gesamtbewertung des deutschen Stromnetzes.
Die eigentliche Frage lautet: Ausbau oder intelligentere Steuerung?
Der Streit zeigt, dass die Diskussion über die Energiewende längst nicht mehr allein um die Frage kreist, wie viele Solaranlagen gebaut werden.
Entscheidend wird zunehmend, wie Strom erzeugt, gespeichert, gesteuert und lokal verteilt wird.
Piepenbrinks These lautet: Deutschland brauche nicht weniger Photovoltaik, sondern bessere Messsysteme, mehr Speicher, regelbare Transformatoren und eine intelligentere Nutzung des vorhandenen Netzes.
Sollte diese Einschätzung zutreffen, wäre das häufig beschworene Szenario vom drohenden „Solarinfarkt“ zumindest für die örtlichen Verteilnetze deutlich weniger dramatisch als vielfach dargestellt.