Man muss der Bundesregierung eines lassen: Irgendwann kommt sie auf fast alles. Diesmal hat Bundesjustizministerin Stefanie Hubig eine spektakuläre Erkenntnis gewonnen: Konzerttickets, die für 89 Euro verkauft werden und fünf Minuten später für 749 Euro im Internet auftauchen, könnten vielleicht doch kein ganz normales Marktgeschehen sein.
Darauf muss man erst einmal kommen.
Seit Jahren erleben Millionen Musikfans immer wieder das gleiche Schauspiel. Punkt 10 Uhr startet der Vorverkauf. Um 10:01 Uhr erscheint die ernüchternde Meldung: „Leider ausverkauft.“ Man könnte meinen, ganz Deutschland habe gleichzeitig auf „Jetzt kaufen“ geklickt. Tatsächlich haben oft genug Bots schneller reagiert als jeder menschliche Fan. Sekunden später tauchen exakt dieselben Tickets auf Weiterverkaufsplattformen wieder auf – selbstverständlich nicht mehr zum Originalpreis. Schließlich muss sich der Kauf eines Computers, der Tausende Tickets automatisch einsammelt, ja irgendwie lohnen.
Die Betreiber dieser Plattformen nennen das gern „Marktplatz“. Fans nennen es eher das Gegenteil von fair.
Nun soll also alles besser werden. Eine Preisobergrenze soll kommen. Außerdem ein „geschütztes Ticket“, das den Weiterverkauf erschweren soll. Das klingt hervorragend. Fast so hervorragend wie die Ankündigungen der vergangenen Jahre, den Schwarzmarkt „genau beobachten“ zu wollen. Beobachtet wurde tatsächlich viel – nur geändert hat sich erstaunlich wenig.
Besonders amüsant ist die Idee, internationale Ticketplattformen künftig stärker in die Pflicht zu nehmen. Das sind genau jene Unternehmen, die ihre Firmensitze gern dort haben, wo nationale Behörden möglichst lange nach der richtigen Zuständigkeit suchen dürfen. Aber diesmal wird bestimmt alles anders.
Währenddessen läuft das Geschäftsmodell der professionellen Ticket-Händler wie geschmiert. Sie kaufen Eintrittskarten nicht, weil sie Fans sind. Sie kaufen sie, weil Verzweiflung ein äußerst lukratives Geschäftsmodell ist. Wer monatelang auf das Konzert seiner Lieblingsband wartet, zahlt irgendwann eben fast jeden Preis. Schließlich möchte niemand am Abend des Konzerts vor der Arena stehen und hören: „Hättest du halt schneller klicken müssen.“
Besonders kreativ sind dabei die Preisaufschläge. Aus einem 120-Euro-Ticket werden plötzlich 680 Euro – zuzüglich Servicegebühr, Bearbeitungspauschale, Vermittlungsentgelt, Zahlungsgebühr und vermutlich bald einer Komfortabgabe dafür, dass der Käufer überhaupt die Möglichkeit erhält, arm zu werden.
Natürlich argumentieren die Wiederverkäufer gern mit Angebot und Nachfrage. Das klingt deutlich eleganter als „Wir verdienen Geld damit, dass andere leer ausgehen.“ Der eigentliche Künstler spielt dabei oft nur noch eine Nebenrolle. Das eigentliche Spektakel findet längst auf dem Zweitmarkt statt.
Die Leidtragenden sind wie immer die Fans. Familien verzichten auf Konzertbesuche, Jugendliche sparen monatelang für ein Ticket oder geben schließlich entnervt auf. Währenddessen klingeln bei professionellen Wiederverkäufern und Plattformbetreibern weiter die Kassen.
Vielleicht gelingt der Politik dieses Mal tatsächlich ein großer Wurf. Vielleicht sorgen Preisobergrenzen, personalisierte Tickets und strengere Regeln endlich dafür, dass Eintrittskarten wieder bei den Menschen landen, die sie tatsächlich nutzen möchten.
Bis dahin bleibt der Ticketkauf allerdings ein Hochleistungssport: Browser aktualisieren, Warteschlange beobachten, Kreditkarte bereithalten und hoffen, dass der Computer eines professionellen Ticket-Händlers gerade kurz Kaffee holen ist.