In der Nacht zum 8. Januar verwandelte sich der Iran in ein Land der Dunkelheit – nicht nur im digitalen Sinne. Während landesweite Proteste gegen wirtschaftliche Not und politische Repression ihren Höhepunkt erreichten, kappte die iranische Regierung Internet und internationale Telefonverbindungen. Was folgte, beschreiben Augenzeugen und Menschenrechtsaktivisten als eine der brutalsten Gewaltwellen seit Gründung der Islamischen Republik.
Am Morgen schien das Leben noch seinen gewohnten Gang zu gehen. Menschen erledigten Einkäufe, trafen Freunde, gingen ihrer Arbeit nach. Doch mit Einbruch der Dunkelheit füllten sich die Straßen. In Teheran, Maschhad, Isfahan und mehr als 100 weiteren Städten versammelten sich Demonstrierende – Familien, junge Menschen, Arbeiter. Viele hofften auf Veränderung, manche sogar auf eine Revolution. Die Stimmung sei zunächst entschlossen, beinahe hoffnungsvoll gewesen, berichten Teilnehmende.
Punkt 20 Uhr jedoch wurde der Iran von der Außenwelt abgeschnitten. Mit dem Internet-Blackout verschwand jede Möglichkeit, Geschehnisse live zu dokumentieren oder Hilfe zu rufen. In diesem Moment begannen Sicherheitskräfte mit einem koordinierten Vorgehen. Augenzeugen schildern den Einsatz scharfer Munition, Schrotflinten, sogenannter Pellet-Bomben sowie Laserzielgeräten. Über den Straßen schwebten Drohnen, während Schüsse und Schreie die Nacht erfüllten.
Videos, die später aus dem Land geschmuggelt und von internationalen Medien verifiziert wurden, zeigen blutüberströmte Straßen, reglose Körper und verzweifelte Versuche, Verwundete notdürftig zu versorgen. Krankenhäuser waren überfüllt, viele Verletzte wagten aus Angst vor Verhaftung keinen Arztbesuch. Auf Friedhöfen und vor Leichenhallen stapelten sich Leichensäcke, zahlreiche Tote blieben zunächst namenlos.
Menschenrechtsorganisationen sprechen von Tausenden Todesopfern innerhalb weniger Tage. Selbst die iranische Führung räumte später eine außergewöhnlich hohe Zahl an Getöteten ein, machte jedoch ausländische Mächte und angebliche „Terroristen“ verantwortlich. Beweise für diese Vorwürfe legte sie nicht vor. Aktivisten hingegen sehen in dem Vorgehen eine gezielte Strategie: maximale Gewalt, um die Bevölkerung einzuschüchtern und eine Generation zu traumatisieren.
Viele der Protestierenden berichten, dass sich diese Tage von früheren Aufständen unterschieden. Die Wut sei tiefer, die Angst geringer gewesen. Trotz der massiven Repression kehrte ein Gefühl zurück, das lange gefehlt hatte: das Gefühl, dass Schweigen keine Option mehr ist.
Die Nacht, in der der Iran „dunkel“ wurde, markiert für viele einen Wendepunkt. Nicht nur wegen des Blackouts, sondern wegen der Erkenntnis, wie weit der Staat bereit ist zu gehen – und wie hoch der Preis für den Wunsch nach Veränderung sein kann.