Indien und die Europäische Union stehen kurz vor dem Abschluss eines umfassenden Freihandelsabkommens, das von beiden Seiten bereits als die „Mutter aller Deals“ bezeichnet wird. Nach fast zwei Jahrzehnten zäher Verhandlungen scheint der Durchbruch greifbar – und das zu einem Zeitpunkt, an dem globale Handelsbeziehungen durch politische Spannungen und neue Zollandrohungen der USA zunehmend unter Druck geraten.
Ein deutliches Signal für die wachsende Bedeutung der Partnerschaft ist der Besuch hochrangiger EU-Vertreter bei den indischen Feierlichkeiten zum Tag der Republik. Sowohl EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen als auch Ratspräsident António Costa werden in Neu-Delhi erwartet. Neben diplomatischem Protokoll steht vor allem eines im Fokus: die Finalisierung des Freihandelsabkommens mit der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens.
Für Indien ist das Abkommen Teil einer breiteren Strategie, seine außen- und handelspolitischen Beziehungen zu diversifizieren. Angesichts anhaltender Unsicherheiten durch die US-Zollpolitik unter Präsident Donald Trump möchte Neu-Delhi seine Abhängigkeit von einzelnen Märkten reduzieren. Ein Abkommen mit der EU würde nicht nur politische Unabhängigkeit demonstrieren, sondern auch wirtschaftliche Vorteile bringen – insbesondere durch besseren Marktzugang für wichtige Exportsektoren wie Textilien, Pharmazeutika, Maschinenbau und Stahl.
Auch für die Europäische Union hat der Deal strategische Relevanz. Indien ist eine der am schnellsten wachsenden großen Volkswirtschaften der Welt und dürfte 2026 Japan überholen, um zur viertgrößten Wirtschaft aufzusteigen. Ein gemeinsamer Markt von rund zwei Milliarden Menschen, der etwa ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung abdeckt, würde Europas Position in einer zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft stärken und gleichzeitig die Abhängigkeit von China verringern.
Dennoch bleiben kritische Punkte. Die EU drängt auf strengere Regelungen zum Schutz geistigen Eigentums sowie auf höhere Standards bei Daten- und Klimaschutz. Besonders umstritten ist der neue europäische CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM), den Indien als faktische Zusatzabgabe auf seine Exporte betrachtet. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen könnten unter den hohen Bürokratie- und Anpassungskosten leiden.
Indien wiederum pocht darauf, politisch sensible Bereiche wie Landwirtschaft und Milchwirtschaft weitgehend auszuklammern. Zollsenkungen für europäische Produkte wie Autos, Wein und Spirituosen sollen – wenn überhaupt – nur schrittweise erfolgen. Dieses Vorgehen entspricht der indischen Linie in früheren Handelsabkommen.
Trotz dieser Differenzen überwiegt bei vielen Beobachtern der Optimismus. Langfristig könnte das Abkommen beiden Seiten helfen, sich gegen unberechenbare Handelspartner, wechselhafte Zölle und die zunehmende Politisierung globaler Lieferketten abzusichern. Gelingt der Abschluss, wäre das Freihandelsabkommen nicht nur ein wirtschaftlicher Meilenstein, sondern auch ein starkes geopolitisches Signal.