In Marseille sorgt derzeit eine Welle von antitouristischen Graffiti für Gesprächsstoff. An mehreren Hauswänden, besonders in Vierteln mit vielen Kurzzeitunterkünften nach Airbnb-Art, prangen Sprüche wie „Tourists go home!“. Die Botschaften spiegeln die wachsende Spannung zwischen der Bedeutung des Tourismus für die Wirtschaft der Hafenstadt und den Belastungen für die Bewohner wider.
Proteste gegen steigende Mieten und Lärm
Besonders betroffen sind traditionelle Stadtteile wie das Panier-Viertel oder die Umgebung von Malmousque. Dort gibt es eine hohe Dichte an Ferienwohnungen. „In meiner Nachbarschaft wird jede siebte Wohnung nur noch saisonal vermietet“, klagt Anwohnerin Jessie. „Die Mieten steigen, viele werden verdrängt. Und nachts ist es laut – Party bis drei Uhr morgens, während andere um sechs zur Arbeit müssen.“
Auch Einheimische wie Nathalie sehen die Entwicklung kritisch, wenn auch differenzierter: „Es gibt nicht zu viele Touristen. Aber die Struktur der Stadt verändert sich. Kleine Geschäfte verschwinden, Nachbarschaften wandeln sich.“
Touristen reagieren nachdenklich
Manche Besucher nehmen die Proteste überraschend gelassen. „Die Botschaft stimmt irgendwo“, sagt Catherine, eine Touristin aus der Normandie. „Wir haben die Pflicht, respektvoll mit dem Ort umzugehen. Marseille ist ein Juwel, das man bewahren muss.“
Stadtverwaltung will Regulierung verschärfen
Für die Stadtregierung handelt es sich offiziell nicht um eine breite Protestbewegung. Jean-Pierre Cochet, Stadtrat für nachhaltigen Tourismus und Präsident des Fremdenverkehrsamtes, betont: „Marseille ist nicht von Übertourismus betroffen. Aber es gibt sensible Zonen, wo wir genau hinschauen müssen.“
Tatsächlich hat die Stadt bereits strenge Auflagen für saisonale Vermietungen eingeführt. Bürgermeister Benoît Payan will sogar die strengsten Regeln Frankreichs schaffen, um den Wildwuchs bei Airbnb & Co. einzudämmen. Ziel sei es, ein Gleichgewicht zwischen touristischer Attraktivität und lebenswerten Vierteln für Einheimische zu sichern.
Balanceakt zwischen Wirtschaft und Lebensqualität
Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Marseilles – gleichzeitig bedroht er zunehmend die soziale Mischung in beliebten Vierteln. Die Graffiti sind damit weniger eine „Anti-Besucher-Bewegung“ als ein Ausdruck von Frust über steigende Mieten, Lärm und Verdrängung.
Ob die Stadtverwaltung mit strengeren Regulierungen ein Gleichgewicht findet, bleibt abzuwarten. Sicher ist: Marseille wird auch in Zukunft Touristen willkommen heißen – aber die Frage ist, zu welchen Bedingungen.