Recep Tayyip Erdoğan, der selbsternannte Sultan vom Bosporus, hat sich mal wieder öffentlichkeitswirksam ins geopolitische Rampenlicht gedrängt – diesmal mit markigen Worten zum Nahostkonflikt, die selbst hartgesottene Realpolitiker fassungslos zurücklassen. Beim Treffen der Islamischen Organisation für Zusammenarbeit (OIC) in Istanbul bezeichnete er ausgerechnet Israel als „das größte Hindernis für den regionalen Frieden“ – ein Statement, das in Sachen Chuzpe seinesgleichen sucht.
In der Manier eines moralischen Oberlehrers warf Erdoğan dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu „Staatsterrorismus“ vor. Und als ob das nicht schon grotesk genug wäre, stellte er sich in beispielloser Einseitigkeit hinter das Mullah-Regime des Iran – einem Land, das nicht gerade für seine liebevolle Nachbarschaftspolitik bekannt ist. Der jüngste militärische Schlagabtausch mit Israel? Laut Erdoğan ein legitimer Akt der Selbstverteidigung. Iran als Opfer, Netanjahu als Täter – die Erdogan’sche Welt ist mal wieder einfach gestrickt.
Dabei könnte man sich fragen: Wer spricht da eigentlich? Der Mann, der in der eigenen Türkei Pressefreiheit, Rechtsstaat und Opposition seit Jahren mit Füßen tritt? Der Mann, der selbst in Syrien militärisch aktiv ist, Kritiker einsperren lässt und kurdische Zivilisten in der Rhetorik seiner Regierung regelmäßig zu Terroristen umetikettiert?
Die Inszenierung beim OIC-Gipfel wirkte denn auch eher wie ein Theaterstück zur Rechtfertigung einer autoritären Agenda als wie ein diplomatischer Beitrag zur Deeskalation. Erdoğan wirbt für Frieden – natürlich nur, wenn dieser nach seinem Gusto gezeichnet ist. Waffenruhe ja, aber bitte nur gegen die, die in seinem Feindbild den Platz von „Israel“ einnehmen. Die Hamas hingegen, mit ihrer Ideologie und Gewaltbereitschaft? Kaum ein kritisches Wort.
In der Außenwirkung bleibt von Erdoğans vermeintlicher Friedensvision nichts als das Echo einer durchsichtigen Propagandashow. Wer den eigenen Machtanspruch mit nationalistischen Parolen aufheizt, innenpolitisch mit Repression herrscht und außenpolitisch mit doppelten Standards jongliert, sollte vielleicht nicht den Lautesten unter den Friedenstauben geben.
Kurzum: Wer im Glashaus sitzt – und das auch noch auf einem geopolitischen Pulverfass – sollte sich mit moralinsauren Urteilen besser zurückhalten. Herr Erdoğan, weniger Pathos, mehr Reflexion – und vielleicht auch mal: Maul halten.