Nach dem spektakulären Ausbruch von zehn Häftlingen aus einem Stadtgefängnis herrscht in der Metropole am Mississippi eine angespannte Mischung aus Besorgnis und Trotz. Während sechs Insassen noch auf der Flucht sind, zeigen sich viele Einwohner entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen.
Am 16. Mai gelang es einer Gruppe von Gefangenen, ein defektes Zellentor zu entfernen und mithilfe eines manipulierten Sanitärsystems einen Fluchtweg durch die Wand zu schaffen. Über ein Verladetor und eine Mauer hinweg gelang ihnen schließlich die Flucht – mutmaßlich mit Unterstützung von Personen innerhalb und außerhalb des Gefängnisses. Auf einer Wand hinterließen die Täter eine spöttische Nachricht: „Too Easy LOL“.
Louisianas Gouverneur Jeff Landry nannte den Ausbruch „möglicherweise den größten Gefängnisausbruch in der Geschichte des Bundesstaates“. Vier der zehn entflohenen Häftlinge konnten bislang festgenommen werden, doch sechs – darunter Männer, die wegen Mordes und schwerer Gewaltverbrechen angeklagt sind – befinden sich weiterhin auf freiem Fuß.
Zwischen Furcht und Gelassenheit
Trotz der bedrohlichen Lage bleibt der Alltag in New Orleans weitgehend unbeeinträchtigt. „Natürlich machen wir uns Sorgen – diese Männer sind gefährlich“, sagt Tess Gonzales, Managerin des beliebten Lokals Daisy Mae’s Southern Fried Chicken & Breakfast. „Aber das Leben hört deswegen nicht auf. Wir sind es gewohnt, mit Krisen umzugehen.“
Die 53-Jährige verweist auf die Widerstandskraft der Stadt: von Hurrikan Katrina bis hin zu einem Anschlag an Neujahr – die Menschen in New Orleans haben gelernt, weiterzumachen.
Auch die Einwohnerin Caliegh Flynn zeigt sich unbeeindruckt. „Ich habe mir bisher keine Sorgen um meine Sicherheit gemacht“, erklärt die 35-jährige Verwaltungsassistentin. „Die Leute von außerhalb sind beunruhigter als wir hier vor Ort.“
Opfer und Angehörige fühlen sich unsicher
Während viele Bewohner gelassen bleiben, wächst in den Kreisen der Opfer der entflohenen Täter die Angst. Derrick Groves, einer der Ausbrecher, war wegen eines Doppelmords während des Mardi Gras 2018 verurteilt worden. Angehörige der Opfer befürchten nun Vergeltungsakte. Einige haben ihre Wohnorte verlassen, andere trauen sich kaum noch aus dem Haus.
Auch in juristischen Kreisen herrscht Nervosität: Zwei Staatsanwälte, die an Groves’ Verurteilung beteiligt waren, haben nach eigener Aussage die Stadt mit ihren Familien verlassen. Jason Williams, der Bezirksstaatsanwalt von Orleans Parish, zeigte sich besorgt: „Ich habe persönlich Angst.“
Polizei unter Druck – Rücktrittsforderungen gegen Sheriff
Die Polizei hat ihre Präsenz in der Stadt deutlich erhöht. Schulen werden bewacht, und eine Vielzahl von Behörden arbeitet gemeinsam an der Ergreifung der Flüchtigen. Doch das Vertrauen in die Strafverfolgungsbehörden leidet – insbesondere in die Leitung des Gefängnisses.
Orleans Parish Sheriff Susan Hutson steht massiv in der Kritik. Stimmen werden laut, die ihren Rücktritt fordern. Zu gravierend seien die Sicherheitslücken, die den Ausbruch ermöglichten.
„Nur eine Frage der Zeit“
Zurück im Diner bleibt Gonzales optimistisch: „Früher oder später machen sie einen Fehler. Ein Krimineller bleibt ein Krimineller – und sie werden gefasst.“ Bis dahin bleibt in New Orleans eine fragile Balance zwischen Alltagsroutine und wachsamem Warten.