Redaktion: Herr Wien, das Thema Altersvorsorge ist für viele junge Menschen abstrakt und scheint weit entfernt. Warum ist es dennoch wichtig, sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen?
Martin Wien: Genau das ist der Punkt: Viele junge Leute denken, dass Altersvorsorge etwas für später ist. Aber wer früh anfängt, profitiert enorm vom Zinseszinseffekt und der langfristigen Anlage. Je früher man startet, desto entspannter kann man später leben.
Redaktion: In der Sendung mehr/wert begleitet der Bayerische Rundfunk den 24-jährigen Berufsfeuerwehrmann Jacob aus Franken, der sich erstmals mit Altersvorsorge beschäftigt. Was halten Sie davon, dass junge Menschen wie er dieses Thema jetzt angehen?
Martin Wien: Das ist großartig! Jacob macht genau das Richtige. Gerade in seinen Zwanzigern hat er die besten Voraussetzungen, um finanziell vorzusorgen. Es ist beeindruckend, dass er sich dem Thema trotz anfänglicher Unsicherheit stellt. Die meisten in seinem Alter verdrängen es leider noch.
Redaktion: Warum ist es so schwierig, junge Menschen für Altersvorsorge zu sensibilisieren?
Martin Wien: Viele verbinden das Thema mit etwas, das erst in 30 oder 40 Jahren relevant wird. Außerdem ist die Renteninformation oft kompliziert und schwer verständlich. Zudem fehlt häufig das Bewusstsein dafür, dass die gesetzliche Rente allein nicht ausreichen wird. Dabei ist Altersvorsorge gerade in jungen Jahren vergleichsweise einfach – man muss nur den ersten Schritt machen.
Redaktion: Welche Vorsorgestrategien sind heute sinnvoll?
Martin Wien: Es gibt nicht die eine richtige Lösung. Altersvorsorge funktioniert am besten mit mehreren Bausteinen. Neben der gesetzlichen Rente ist die betriebliche Altersvorsorge ein wichtiger Pfeiler – sofern der Arbeitgeber gute Konditionen bietet. Dann gibt es noch die private Vorsorge, zum Beispiel über ETFs oder Fondspolicen. Gerade bei den niedrigen Zinsen sollte man die Inflation nicht aus dem Blick verlieren. Eine Immobilie kann ebenfalls sinnvoll sein, allerdings sollte man sich nicht finanziell übernehmen.
Redaktion: Im Beitrag sprach Jacob mit seinem Kollegen Basti, der auf eine klassische Lebensversicherung setzt. Wie schätzen Sie diese Form der Vorsorge ein?
Martin Wien: Die klassische Lebensversicherung hat stark an Bedeutung verloren. In Zeiten niedriger Zinsen lohnt sie sich oft nicht mehr. Stattdessen sind fondsgebundene Lebensversicherungen oder Fondspolicen sinnvoller, da sie bessere Renditechancen bieten. Wichtig ist aber auch hier eine professionelle Beratung, um die Risiken abzuschätzen.
Redaktion: Wie wichtig ist der Faktor Inflation bei der Altersvorsorge?
Martin Wien: Extrem wichtig. Viele Menschen berücksichtigen bei ihrer Rentenplanung nicht, dass die Kaufkraft durch die Inflation sinkt. Eine Rente, die heute noch ausreicht, kann in 30 Jahren deutlich weniger wert sein. Deswegen sollte man immer darauf achten, dass die Anlageformen inflationsgeschützt sind – etwa durch Sachwerte wie Immobilien oder Aktienfonds.
Redaktion: Jacob hat in seiner Planung mit rund 1.645 Euro Pension gerechnet – das hat ihn überrascht. Wie realistisch ist diese Summe für ein entspanntes Leben im Alter?
Martin Wien: Das kommt auf die Lebensumstände an, aber grundsätzlich ist das wenig. Die Mieten steigen, und die Lebenshaltungskosten gehen kaum zurück. Wer später eine immobilienfreie Altersvorsorge hat oder hohe Mieten zahlt, wird mit dieser Summe kaum auskommen. Daher ist es entscheidend, private Rücklagen zu schaffen.
Redaktion: Was raten Sie jungen Menschen konkret, die sich jetzt mit Altersvorsorge beschäftigen wollen?
Martin Wien: Zunächst einmal: Nicht warten! Ein guter erster Schritt ist es, die eigene Renteninformation genau durchzulesen und zu verstehen, was die gesetzliche Rente einmal leisten kann – und was nicht. Dann empfehle ich, mit einem Sparplan auf ETF-Basis zu starten. Auch kleine Beträge lohnen sich. Wer zusätzlich eine Immobilie erwerben will, sollte die Langfristigkeit und die Kosten im Blick behalten.
Redaktion: Abschließend: Welchen Tipp haben Sie für Jacob und andere junge Menschen, die jetzt starten möchten?
Martin Wien: Das Wichtigste ist, dass man den ersten Schritt macht und sich beraten lässt. Es ist verständlich, dass das Thema erstmal überwältigend wirkt, aber wenn man einmal angefangen hat, ist es gar nicht mehr so kompliziert. Und wie Christian Richter im Beitrag richtig sagte: Wer sich früh gut aufstellt, hat später die Freiheit, sich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren.
Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Wien!