Trump spricht vom historischen Durchbruch, Netanjahu vom Entwurf, die Hamas von Bedingungen. Der Frieden selbst wartet derweil offenbar noch im Vorzimmer.
Jerusalem – Es gibt in der internationalen Politik diese seltenen Momente, in denen ein neuer Friedensplan vorgestellt wird und alle Beteiligten sofort demonstrieren, warum man überhaupt einen Friedensplan braucht.
So ungefähr läuft es derzeit im Nahen Osten.
Donald Trump präsentierte seinen Vorstoß zuletzt mit dem gewohnt kleinen Vokabular für große Dinge: historisch.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sah das etwas nüchterner.
Seine Botschaft:
„Es wird keinen Palästinenser-Staat geben, solange ich Ministerpräsident bin.“
Damit hat der Friedensplan immerhin schon einmal einen konkreten Zeitplan.
Nur weiß niemand, wann er beginnt.
Trump sagt „Abkommen“, Netanjahu sagt „Entwurf“
Nach Netanjahus Darstellung habe Israel bislang lediglich einen Entwurf des vom Trump gegründeten „Friedensrats“ erhalten.
Zugestimmt habe Israel nicht.
Man habe Anmerkungen geschickt.
Das kennt jeder aus dem Büro:
Kollege schickt Dokument mit dem Dateinamen
„Friedensplan_FINAL_v7_WIRKLICH_FINAL.docx“
zurück kommt:
„Bitte Änderungen beachten.“
Der Kern des Plans klingt auf dem Papier vergleichsweise übersichtlich: Die Hamas soll ihre Waffen abgeben, Israel soll sich aus dem Gazastreifen zurückziehen und langfristig soll ein palästinensischer Staat entstehen.
Also drei Punkte.
Für normalen Menschenverstand vielleicht eine Seite DIN A4.
Für den Nahen Osten vermutlich ungefähr 17.000 Seiten Kleingedrucktes, 84 Anhänge und die Frage, wer zuerst unterschreibt.
Netanjahu: Rückzug erst nach Entwaffnung
Netanjahu machte deutlich, dass sich die israelische Armee nicht von ihrer derzeitigen Position zurückziehen werde, bevor die Hamas vollständig entwaffnet sei.
Gleichzeitig äußerte er Zweifel daran, dass die Hamas das überhaupt tun wird.
Man werde diese Annahme Trumps zunächst „begutachten“.
Das ist bemerkenswert höfliches Diplomatendeutsch für:
„Donald, wir haben da noch ein paar Fragen.“
Israel hat seine militärische Kontrolle über den Gazastreifen nach eigenen Angaben zuletzt von 53 auf mehr als 60 Prozent ausgeweitet.
Ein Rückzug ist für die israelische Regierung daher nicht einfach irgendein Punkt auf einer Checkliste, sondern eine zentrale Sicherheitsfrage.
Hamas: Waffen weg? Erst wenn Israel weg ist
Die Hamas wiederum möchte ihre Waffen ebenfalls nicht einfach so abgeben.
Ihre Position: Ohne Garantie für einen vollständigen israelischen Rückzug werde man nicht kapitulieren.
Damit ergibt sich die klassische Nahost-Verhandlungssituation:
Israel:
„Ihr zuerst.“
Hamas:
„Nein, ihr zuerst.“
Trump:
„Historisches Abkommen!“
Der Friedensrat:
„Vielleicht sollten wir noch einen Termin einstellen.“
Und irgendwo sucht bereits jemand einen Konferenzraum für Runde 48.
Der schwierigste Staffellauf der Welt
Das Grundproblem des Plans lässt sich ungefähr so zusammenfassen:
Israel will Sicherheit, bevor es sich zurückzieht.
Die Hamas verlangt Rückzug, bevor sie über Entwaffnung sprechen will.
Und langfristig soll daraus noch ein palästinensischer Staat entstehen, den Netanjahu ausdrücklich ablehnt.
Das ist weniger ein Friedensfahrplan als ein Staffellauf, bei dem jeder Teilnehmer erklärt:
„Ich laufe erst los, wenn der andere im Ziel ist.“
Donald Trump hatte trotzdem von einem historischen Abkommen zur vollständigen Entwaffnung der Hamas gesprochen.
Vielleicht ist „historisch“ hier auch weniger als Beschreibung des Ergebnisses gemeint und mehr als Hinweis darauf, wie lange die Verhandlungen noch dauern könnten.
Und während Politiker über Formulierungen streiten …
Das Bittere hinter all der politischen Wortakrobatik bleibt: Trotz Waffenruhe gibt es weiterhin Gewalt und Tote.
Bei israelischen Luftangriffen wurden nach Angaben von Reuters am Sonntag mindestens 15 Menschen getötet. Israel erklärte, die Angriffe hätten Kämpfern einer Hamas-Eliteeinheit gegolten.
Der Krieg war durch den Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 ausgelöst worden, bei dem rund 1.200 Menschen getötet wurden.
Und genau deshalb wirkt das derzeitige diplomatische Schauspiel so ernüchternd:
Ein Friedensplan liegt auf dem Tisch.
Israel sagt: nicht so.
Die Hamas sagt: nicht so.
Trump sagt: historisch.
Und der Frieden sagt bislang gar nichts – weil ihn offenbar noch niemand eingeladen hat.