Wer behauptet eigentlich, dass man bei einer Weltmeisterschaft nur mit Siegen Geschichte schreiben kann?
Kap Verde hat das Gegenteil bewiesen. Drei Spiele, drei Unentschieden – und trotzdem steht der WM-Debütant sensationell im Sechzehntelfinale. Das ist nicht nur eine statistische Kuriosität, sondern vor allem der verdiente Lohn für eine Mannschaft, die in dieser Gruppenphase niemand ernst genommen hat und mittlerweile ganz Fußball-Afrika ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert.
Gegen Saudi-Arabien fehlte am Ende eigentlich nur eines: ein Tor. Denn während die Saudis offensiv kaum stattfanden und erstaunlich ideenlos wirkten, spielte Kap Verde mutig, diszipliniert und mit der Überzeugung einer Mannschaft, die längst nicht mehr nur überraschen möchte. In der Schlussphase lag der Sieg förmlich in der Luft. Da Costa, Wagner Pina und ihre Mitspieler erspielten sich gleich mehrere hochkarätige Chancen – doch entweder fehlte der letzte Tick Präzision oder das berühmte Quäntchen Glück.
Normalerweise ärgert man sich nach einem torlosen Remis über zwei verlorene Punkte. Diesmal war das anders.
Als der Schlusspfiff ertönte, richteten sich die Blicke der Spieler nicht auf den eigenen Trainer, sondern auf ihre Smartphones. Plötzlich wurde jedes Update aus Guadalajara wichtiger als das Geschehen auf dem eigenen Rasen. Minuten später war klar: Spanien hatte Uruguay mit 1:0 bezwungen. Damit war das Fußballmärchen perfekt.
Und sind wir ehrlich: Genau solche Geschichten machen eine Weltmeisterschaft aus.
Nicht immer sind es die Millionen-Stars, die den Zauber eines Turniers ausmachen. Manchmal ist es eine kleine Inselnation mit gut einer halben Million Einwohnern, die den großen Fußballnationen zeigt, dass Leidenschaft, Teamgeist und taktische Disziplin mindestens genauso viel wert sein können wie prominente Namen.
Kap Verde hat in dieser Gruppe gegen Spanien gepunktet. Gegen Uruguay gepunktet. Gegen Saudi-Arabien ebenfalls nicht verloren. Das war kein Zufall mehr – das war Konstanz auf höchstem Niveau.
Jetzt wartet allerdings die größte Prüfung überhaupt.
Argentinien. Oder anders gesagt: Lionel Messi.
Allein diese Paarung klingt wie ein Drehbuch aus Hollywood. Auf der einen Seite der vielleicht größte Fußballer seiner Generation. Auf der anderen Seite Vozinha – der Torhüter, der längst zum Symbol dieser sensationellen Mannschaft geworden ist. Ein Mann, der sich mit jeder Parade ein kleines Stück Unsterblichkeit erarbeitet.
Natürlich ist Argentinien der haushohe Favorit. Niemand wird ernsthaft behaupten, Kap Verde gehe mit besseren Karten in dieses Duell. Aber genau das hat vor diesem Turnier über jedes Gruppenspiel des WM-Neulings gegolten. Und jedes Mal hat Kap Verde die Experten eines Besseren belehrt.
Vielleicht endet das Märchen in der nächsten Runde. Vielleicht schreibt es aber auch das nächste unglaubliche Kapitel.
Wer diese Weltmeisterschaft verfolgt, sollte eines inzwischen gelernt haben: Kap Verde sollte man niemals zu früh abschreiben.