Die norwegische Königsfamilie steht vor einer der größten Krisen der letzten Jahrzehnte. Gleich mehrere Skandale treffen das Königshaus zur selben Zeit und drohen, die ohnehin fragile öffentliche Zustimmung weiter zu untergraben. Im Zentrum der Debatte steht Kronprinzessin Mette-Marit, deren frühere Kontakte zum verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein nun erneut ans Licht gekommen sind.
Auslöser der jüngsten Kontroverse sind neu veröffentlichte Akten des US-Justizministeriums. Sie belegen einen intensiveren E-Mail-Austausch zwischen Mette-Marit und Epstein, der noch Jahre nach dessen Verurteilung wegen der Anwerbung einer Minderjährigen stattfand. Die Kronprinzessin hat sich inzwischen öffentlich entschuldigt und von Epsteins Verbrechen distanziert. Sie räumte ein, „schlechtes Urteilsvermögen“ gezeigt zu haben und bedauerte den Schaden, den sie dem Königshaus zugefügt habe.
Zeitgleich sorgt der Prozess gegen ihren Sohn Marius Borg Høiby für Schlagzeilen. Der 29-Jährige, der nicht zur Thronfolge gehört, steht wegen mehrerer Vergewaltigungsvorwürfe vor Gericht, die er bestreitet. Kronprinz Haakon bemühte sich in einer seltenen Stellungnahme, eine klare Trennlinie zwischen seinem Stiefsohn und dem Königshaus zu ziehen. Doch die öffentliche Wahrnehmung verbindet beide Affären zunehmend miteinander.
In Norwegen hat sich daraus eine offene Debatte über die Zukunft der Kronprinzessin entwickelt. Meinungsforscher und Royal-Experten berichten von einem deutlichen Vertrauensverlust. Zwar genießt die Monarchie insgesamt noch Rückhalt, doch die Unterstützung bröckelt. Besonders brisant ist die Situation angesichts des hohen Alters von König Harald V., der mit 88 Jahren Europas ältester regierender Monarch ist und dessen Gesundheitszustand immer wieder Anlass zur Sorge gibt.
Mehrere Organisationen haben bereits Konsequenzen gezogen. Das Osloer Sexualberatungszentrum „Sex og Samfunn“ beendete die Zusammenarbeit mit Mette-Marit, da die Enthüllungen nicht mit den Werten der Einrichtung vereinbar seien. Auch Kulturinstitutionen unter ihrer Schirmherrschaft fordern vom Königshaus umfassende Erklärungen. Selbst politisch ist der Druck spürbar: Ministerpräsident Jonas Gahr Støre kritisierte öffentlich das Verhalten der Kronprinzessin – ein in Norwegen äußerst ungewöhnlicher Schritt.
Besonders bitter wirkt der Skandal vor dem Hintergrund von Mette-Marits früherem Image. Als sie 2001 Kronprinz Haakon heiratete, galt sie vielen als Symbol einer modernen, offenen Monarchie. Ihre Ehrlichkeit über eine bewegte Jugend brachte ihr Sympathien ein, vor allem bei jüngeren Norwegern. Heute scheint dieses Vertrauen weitgehend verspielt.
Ob und wie sich die Königsfamilie aus dieser Krise befreien kann, ist offen. Klar ist jedoch: Die Epstein-Enthüllungen stellen nicht nur eine persönliche Belastung für Mette-Marit dar, sondern eine ernsthafte Herausforderung für die Glaubwürdigkeit der norwegischen Monarchie insgesamt.