Der Gazastreifen steht erneut im Mittelpunkt internationaler Diplomatie. Die US-Gesandten Steve Witkoff und Jared Kushner sind zu Gesprächen nach Israel gereist, um mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu über die Zukunft des Küstengebiets zu beraten. Ziel der Treffen ist es laut US-Regierungskreisen, die fragile Waffenruhe zu stabilisieren und in einen langfristigen Friedensprozess zu überführen. Dabei geht es nicht nur um Sicherheitspolitik, sondern auch um weitreichende wirtschaftliche und städtebauliche Pläne.
Witkoff und Kushner hatten ihre Vision eines „Neuen Gaza“ bereits beim Weltwirtschaftsforum in Davos vorgestellt. In Präsentationen zeigten sie Entwürfe moderner Wohngebiete mit Hochhäusern, neuer Infrastruktur und touristischen Zonen. Kushner sprach offen davon, dass der Gazastreifen nach dem Wiederaufbau sogar zu einem „Reiseziel“ werden könne. Frieden, so die US-Gesandten, müsse mit wirtschaftlichen Perspektiven unterlegt werden – auch wenn diese Herangehensweise international umstritten ist.
Im Zentrum der aktuellen Gespräche steht jedoch zunächst die Sicherung der Waffenruhe. Seit dem 10. Oktober gilt eine Vereinbarung zwischen Israel und der Hamas, die jedoch immer wieder von gegenseitigen Vorwürfen über Verstöße überschattet wird. Ein besonders sensibles Thema ist die Rückgabe der sterblichen Überreste der letzten israelischen Geisel im Gazastreifen. Die Familie des getöteten Polizisten Ran Gvili fordert, dass seine Rückführung zur Voraussetzung weiterer Fortschritte erklärt wird. Witkoff hatte der Hamas bereits mit „schwerwiegenden Konsequenzen“ gedroht, sollte der Leichnam nicht übergeben werden.
Parallel dazu treiben die USA die zweite Phase des Waffenruhe-Plans voran. Dieser sieht den Rückzug israelischer Truppen, die Einrichtung einer Übergangsverwaltung sowie die Stationierung einer internationalen Stabilisierungstruppe vor. Zentrale Bedingung des von Präsident Donald Trump vorgelegten 20-Punkte-Plans ist allerdings die vollständige Entwaffnung der Hamas – ein Punkt, den die Organisation bislang kategorisch ablehnt.
Der Wiederaufbau selbst stellt eine enorme Herausforderung dar. Der schmale Küstenstreifen ist nach fast zwei Jahren Krieg weitgehend zerstört. Kushner beziffert den Investitionsbedarf auf rund 25 Milliarden US-Dollar und spricht von einer Bauzeit von nur drei Jahren. Internationale Organisationen widersprechen dieser Einschätzung deutlich: Die UN-Handels- und Entwicklungsorganisation UNCTAD geht von Kosten in Höhe von bis zu 70 Milliarden Dollar aus und rechnet mit einem Wiederaufbau über Jahrzehnte.
Ob die ambitionierten US-Pläne Realität werden können, hängt letztlich nicht nur von Geld und Architektur ab, sondern von politischen Kompromissen, Sicherheitsgarantien und dem Willen aller Beteiligten. Das Treffen in Jerusalem könnte daher ein wichtiger, aber auch heikler Schritt auf einem langen Weg sein.