Sozialverbände in Deutschland fordern eine dauerhafte und verlässliche Finanzierung für sogenannte Housing-First-Projekte. Hintergrund ist die wachsende Zahl wohnungsloser Menschen sowie die Unsicherheit vieler bestehender Angebote, die bislang oft nur über zeitlich befristete Förderprogramme finanziert werden.
Das Housing-First-Prinzip verfolgt einen klaren Ansatz: Obdachlose Menschen erhalten zunächst eine eigene Wohnung – ohne Vorbedingungen. Erst auf dieser stabilen Grundlage sollen weitere Hilfen wie Sozialberatung, medizinische Betreuung oder Unterstützung bei der Arbeitsaufnahme folgen. Ziel ist es, den Betroffenen Sicherheit, Würde und eine echte Perspektive zu geben.
Julia von Lindern vom Bundesverband Housing First Deutschland kritisierte gegenüber dem Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), dass viele Housing-First-Projekte immer wieder neu beantragt werden müssten. Diese Unsicherheit erschwere nicht nur die langfristige Planung, sondern gefährde auch bestehende Wohnverhältnisse. Projekte könnten nicht nachhaltig aufgebaut werden, wenn unklar sei, ob die Finanzierung im kommenden Jahr noch gesichert sei.
Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe äußerte deutliche Kritik. Es fehle an ausreichenden Haushaltsmitteln, um Housing-First-Angebote flächendeckend und dauerhaft zu etablieren. Dabei zeigten Erfahrungen aus dem In- und Ausland, dass dieser Ansatz besonders erfolgreich sei, um chronische Wohnungslosigkeit zu beenden.
Der Handlungsdruck steigt: In den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hat sich die Zahl der wohnungslosen Menschen seit 2022 verdoppelt. Aktuell sind dort zusammen rund 11.000 Menschen ohne eigene Wohnung. Sozialverbände warnen, dass diese Entwicklung ohne strukturelle Gegenmaßnahmen weiter an Dynamik gewinnen könnte.
Housing-First-Projekte existieren bereits in mehreren Städten, darunter Magdeburg, Leipzig und Erfurt. Dort zeigen erste Erfahrungen, dass viele ehemals obdachlose Menschen ihre Wohnungen langfristig behalten und sich ihre gesundheitliche sowie soziale Situation deutlich verbessert.
Die Sozialverbände appellieren daher an Bund und Länder, Housing First nicht länger als zeitlich begrenztes Projekt, sondern als festen Bestandteil der Wohnungslosenhilfe zu begreifen. Eine dauerhafte Finanzierung sei nicht nur sozial geboten, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll: Langfristig könnten Kosten für Notunterkünfte, Krankenbehandlungen und ordnungsrechtliche Maßnahmen deutlich sinken.
Ohne klare politische Entscheidungen drohe jedoch, dass erfolgreiche Projekte aus Geldmangel eingestellt werden – mit gravierenden Folgen für tausende wohnungslose Menschen.