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Wenn das Essen zum Kampf wird – Eltern im Ausnahmezustand: Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen dramatisch zu
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Wenn das Essen zum Kampf wird – Eltern im Ausnahmezustand: Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen dramatisch zu

Anemone123 (CC0), Pixabay

Essstörungen gehören zu den schwerwiegendsten psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen – und sie treten immer früher auf. Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel schlägt Alarm: Immer mehr Kinder und Jugendliche müssen stationär behandelt werden. Die Jüngsten sind kaum älter als neun Jahre. Besonders belastend: Auch die Eltern geraten dabei an ihre Grenzen – psychisch wie emotional.

Ein harmloser Vorsatz mit gefährlichen Folgen

Alles begann mit einem harmlos klingenden Neujahrsvorsatz. Lena, 18 Jahre alt, wollte „ein bisschen abnehmen“. Sie begann regelmäßig Sport zu treiben und achtete auf ihre Ernährung – zunächst nichts Ungewöhnliches. Doch schnell wurde aus Kontrolle Zwang, aus Fitness Disziplin, aus Diät Hunger.

„Ich habe gemerkt, dass ich mit dem Hungern Gefühle unterdrücken und meine Probleme teilweise wegschieben kann“, erzählt Lena rückblickend. Der Gewichtsverlust verschaffte ihr ein Gefühl von Stärke – bis sie schließlich in die Magersucht rutschte.

Die Diagnose – ein Schock für die Familie

Lenas Mutter erinnert sich, wie sie vom Anruf der Klassenlehrerin erfuhr. „Ich war völlig fassungslos. Es hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen“, sagt sie. Wie so viele Eltern suchte sie die Schuld zunächst bei sich selbst. „Ich habe mich gefragt: Was hätte ich anders machen können? Hätte ich es merken müssen?“

Erst im Rückblick fielen ihr kleine Anzeichen auf: Lena begann, Mahlzeiten zu meiden, und legte plötzlich Wert darauf, dass sich Kartoffeln, Gemüse und Fleisch auf dem Teller nicht berühren durften. „Damals dachte ich, das seien einfach Marotten in der Pubertät.“

Immer mehr Fälle, immer jüngere Betroffene

In der Kieler Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKSH beobachtet man diesen Trend seit Jahren mit wachsender Sorge. Chefarzt Dr. Manuel Munz berichtet, dass die Zahl der Patientinnen und Patienten mit Essstörungen deutlich zugenommen habe – insbesondere seit der Corona-Pandemie.

„Die meisten leiden unter Magersucht, gefolgt von Ess-Brech-Sucht (Bulimie) oder Essanfällen“, sagt Munz. Besonders alarmierend: Die Erkrankungen treten immer früher auf. „Wir haben inzwischen Kinder im Alter von neun oder zehn Jahren, die Kalorien zählen und Angst vor dem Zunehmen haben.“

Die Folgen sind gravierend – körperlich wie seelisch. „Essstörungen können lebensbedrohlich werden“, warnt der Arzt. Ohne rechtzeitige Behandlung drohen Herzrhythmusstörungen, Wachstumsstörungen, Unfruchtbarkeit oder dauerhafte Organschäden.

Eltern zwischen Hilflosigkeit und Schuldgefühlen

Für die Eltern ist die Diagnose oft ein emotionaler Ausnahmezustand. „Das Grundbedürfnis von Eltern ist, ihren Kindern ein Dach über dem Kopf und genug Essen zu bieten“, sagt Munz. „Wenn dieses existenzielle Essen plötzlich nicht mehr funktioniert, bricht für viele eine Welt zusammen.“

Viele Mütter und Väter machen sich massive Vorwürfe – obwohl sie meist nichts hätten verhindern können. Denn Essstörungen entwickeln sich schleichend, oft über Monate. Der Übergang zwischen gesunder Ernährung und krankhaftem Verhalten ist fließend.

„Eltern müssen verstehen, dass sie nicht schuld sind – aber dass sie Teil der Lösung werden können“, erklärt Munz. Seine Klinik setzt daher auf ein Konzept, bei dem die Eltern als „Co-Therapeuten“ aktiv in die Behandlung einbezogen werden.

Therapie bedeutet auch: Vertrauen zurückgewinnen

In der Therapie lernen Eltern, wieder eine gesunde Beziehung zu ihrem Kind und zum Thema Essen aufzubauen. Das kann bedeuten, gemeinsam Mahlzeiten zu strukturieren, Grenzen zu setzen – oder einfach nur zuzuhören. „Wichtig ist, dass Eltern verstehen, wie die Krankheit denkt“, so Munz. „Magersucht ist eine Stimme im Kopf, die Kontrolle verspricht, aber Zerstörung bringt.“

Der Heilungsprozess ist langwierig. Rückfälle sind häufig. Doch mit Geduld, therapeutischer Begleitung und familiärem Rückhalt können viele Jugendliche den Weg zurück ins Leben finden.

Ein gesellschaftliches Problem mit vielen Ursachen

Die Ursachen für Essstörungen sind vielfältig: Leistungsdruck, soziale Medien, Schönheitsideale und psychische Belastungen spielen eine Rolle. Während Plattformen wie TikTok oder Instagram Essverhalten beeinflussen, verstärken gesellschaftliche Trends den Wunsch nach Selbstoptimierung.

„Kinder und Jugendliche wachsen in einer Welt auf, in der Körperperfektion oft wichtiger scheint als Wohlbefinden“, sagt Munz. „Wir müssen lernen, über Gefühle, Stress und Selbstwert zu sprechen – nicht über Kalorien und Diäten.“

Hoffnung trotz Angst

Lena ist inzwischen in Therapie – ein Weg, der viel Kraft kostet, aber erste Erfolge zeigt. „Ich lerne, wieder auf meinen Körper zu hören“, sagt sie. Ihre Mutter begleitet sie eng, manchmal mit Sorge, oft mit Zuversicht.

Für sie ist klar: „Ich kann nicht alles kontrollieren. Aber ich kann da sein.“

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