Das Schweigen bricht langsam auf: Immer mehr Männer, die Opfer häuslicher Gewalt werden, suchen aktiv Hilfe. Laut der neuen Nutzungsstatistik der Bundesfach- und Koordinationsstelle Männergewaltschutz (BFKM) in Berlin haben sich im Jahr 2024 751 Männer an Gewaltschutzeinrichtungen gewandt – ein Anstieg um 41 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (533 Fälle).
Tabuthema häusliche Gewalt gegen Männer
Lange galt häusliche Gewalt als reines Frauenthema – doch die Zahlen zeigen, dass auch viele Männer betroffen sind. Die Gründe, warum sie oft keine Hilfe suchen, sind vielfältig: Scham, Angst vor Stigmatisierung oder das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.
„Dass sich immer mehr Männer trauen, Unterstützung zu suchen, ist ein ermutigendes Zeichen“, sagte ein Sprecher der BFKM. „Es zeigt, dass das Tabu beginnt, zu bröckeln.“
126 Männer fanden Schutz in Einrichtungen
Von den 751 Hilfesuchenden konnten 126 Männer in speziellen Schutzeinrichtungen untergebracht werden – oft gemeinsam mit ihren Kindern. Diese Häuser bieten nicht nur einen sicheren Ort, sondern auch psychologische Betreuung und rechtliche Beratung.
Doch das Angebot bleibt knapp: Laut BFKM gibt es bundesweit nur rund 50 Schutzplätze für Männer, während die Nachfrage kontinuierlich steigt. Viele Betroffene müssten daher abgewiesen oder an andere Einrichtungen verwiesen werden.
Gewalt kennt kein Geschlecht
Die BFKM weist darauf hin, dass Gewalt in Beziehungen „kein geschlechtsspezifisches Phänomen“ ist. Männer erleben – wie Frauen – physische, psychische und finanzielle Gewalt. Oft seien es langjährige Beziehungen, in denen Kontrolle, Erniedrigung oder Erpressung eine Rolle spielen.
„Männer schämen sich häufig, darüber zu sprechen – und werden manchmal sogar belächelt, wenn sie Opfer sind“, erklärt der Sozialarbeiter Thomas Löwe, der in einem Männerhaus in Sachsen arbeitet. „Doch Gewalt ist Gewalt – egal, gegen wen sie sich richtet.“
Forderung nach mehr Unterstützung
Fachstellen und Sozialverbände fordern deshalb mehr finanzielle Mittel und gesellschaftliche Anerkennung für den Männergewaltschutz. „Was für Frauenhäuser selbstverständlich ist, muss auch für Männer gelten“, so die BFKM.
Gleichzeitig müsse die Präventionsarbeit ausgebaut werden – etwa durch Aufklärung in Schulen und Kampagnen, die zeigen, dass Hilfe zu suchen kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke ist.
Ein Schritt in die richtige Richtung
Auch wenn die Zahlen erschreckend wirken, sehen Experten in der Entwicklung einen positiven Trend: Sie zeigen, dass sich Betroffene zunehmend trauen, den ersten Schritt zu gehen.
„Jeder Mann, der sich Hilfe holt, durchbricht ein Stück weit das Schweigen“, sagte die BFKM. „Und genau das ist der Anfang von Veränderung.“