Es gibt Nachrichten, da greift man sich instinktiv an die Stirn – nicht nur wegen der Stirnlampe, mit der man tief in dubiose Investmentmodelle hinabsteigen müsste. Die The Natural Gem GmbH, einst das gallische Dorf der Edelsteinanlagewelt mit akademischer Aura und Schröck’schem Charisma, ist pleite.
Ja, wirklich. Nicht „energetisch angeschlagen“, nicht „temporär liquiditätslimitiert“ – insolvent. Und das in einem Markt, der sonst gerne so tut, als wäre er härter als ein Rubin, rarer als ein roter Beryll und wertbeständiger als Oma Gretls Goldzähne.
6,6 Millionen Euro – Puff, weg!
Laut AKV schuldet die Firma 42 Gläubigern rund 6,6 Millionen Euro. Die größte Summe – ironischerweise – bei der Sparkasse. Die Sparkasse! Man fragt sich fast: Haben die geglaubt, dort lagern wirklich die Kronjuwelen?
Der Umsatz? Von 20 Millionen auf 12 Millionen geschrumpft. Eine Schrumpfkur, gegen die sogar die Zeitumstellung harmlos wirkt. Der Grund? Kunden hatten plötzlich kein Interesse mehr an farbigen Kieselsteinen mit Samteinlage – wer hätte gedacht, dass steigende Zinsen konservativer sind als ein Diamantgutachten?
Wenn Rückkaufversprechen zu Rücktrittseinladungen werden
Besonders sportlich: Das Geschäftsmodell umfasste auch Rückkaufgarantien. Ja, Sie haben richtig gelesen. Eine Garantie, dass man seine Steine auch wieder loswird – vermutlich mit dem sanften Beisatz „…wenn’s uns dann noch gibt“.
Kleiner Haken: Solche Garantien sind – Überraschung! – nur dann etwas wert, wenn jemand auch garantieren kann. Und wenn man nicht ausgerechnet in einer Insolvenz landet, bei der gar nix mehr geht, außer vielleicht das Inventar zur Auktion zu bringen.
Von Fondsphantasien und Token-Träumen
Ein besonderer Edelstein im Marketing-Mix war der „Natural Gemstone Fund One“. Der erste Farbedelsteinfonds der Welt! Nur leider kam er nie zur Auflage. Angeblich zog sich ein Kapitalgeber zurück – wahrscheinlich, weil er den Prospekt bis zum Ende gelesen hat.
Und dann, als das Edelsteinpublikum nicht mehr funkelte: ein Versuch, mit Tokenisierung das Web3 zu erobern. Weil, klar, wenn Rubine sich nicht verkaufen, kann man sie immer noch mit Blockchaintechnologie digital aufblasen und hoffen, dass ein „Investor mit Vision“ zuschlägt – oder wenigstens ein Influencer mit Krypto-Ambitionen.
Vertrieb mit Tippgebern – was kann da schon schiefgehen?
Verkauft wurde über Vermittler, Webshop und Tippgeber. Tippgeber! Ein schöner Begriff, der klingt wie ein Horoskopleser mit Excel-Kurs. Wer braucht schon BaFin-Prospekte, wenn man auf die intimen Empfehlungen des Cousins vom Steuerberater des Nachbarn setzen kann?
Für wen ist sowas überhaupt gedacht?
Ganz ehrlich: Solche Investments gehören nicht in die Hände von Menschen mit Sparbuchsozialisation. Das ist keine Geldanlage. Das ist Hochglanzpokern.
Ein Saphir ist eben kein ETF, auch wenn beides hübsch aussieht, wenn die Sonne draufscheint.
Und wenn jemand mit Rückkaufgarantien wedelt wie ein Hütchenspieler auf Speed, sollte man sich fragen:
Ist das noch ein Angebot – oder schon ein Fall fürs Vermögensanlagengesetz?
Fazit: Wenn Glanz nicht reicht
The Natural Gem war ein leuchtendes Beispiel dafür, wie schnell „Edel“ zu „Elend“ werden kann, wenn Marketing glänzt, aber die Substanz matt bleibt. Ob das Unternehmen jetzt wie ein Phönix aus der Asche oder wie ein billiger Zirkonia aus der Insolvenzmasse aufsteigt – das wird sich zeigen.
Bis dahin: Hände weg von allem, was glitzert – vor allem, wenn’s von jemandem kommt, der einem gleichzeitig eine Rückkaufgarantie und ein „innovatives Finanzprodukt“ verkaufen will.
Denn wir wissen jetzt:
Nicht jeder Edelstein ist eine Kapitalanlage. Manchmal ist es auch nur… teurer Kies.