Eine Mahlzeit am Tag. 1.400 Dollar für einen Sack Mehl. 20 Dollar für ein einziges Ei. Und die Entscheidung, welches Kind heute essen darf. Das ist die Realität für viele Menschen im Gazastreifen – darunter Amal Nassar, 35-jährige Englischlehrerin aus Deir al-Balah in Zentral-Gaza. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie inmitten einer humanitären Katastrophe, die sich knapp zwei Jahre nach Beginn des Krieges zwischen Israel und der Hamas dramatisch zuspitzt.
„Wir haben nicht genug zu essen“, sagte Nassar in einer WhatsApp-Nachricht an USA TODAY. Bereits zuvor hatte sie berichtet, wie sie ihre Tochter Mira ohne Schmerzmittel inmitten der Kämpfe zur Welt brachte. Heute ist sie erneut schwanger, leidet unter Schwindel und Erschöpfung – und muss täglich Entscheidungen über das Überleben ihrer Familie treffen.
UNO warnt vor Hungersnot – Israel weist Verantwortung zurück
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) schlagen Alarm: Etwa ein Drittel der Bevölkerung Gazas isst mehrere Tage am Stück nichts. Jeder vierte Mensch leidet unter hungerähnlichen Zuständen, die der Definition einer Hungersnot nahekommen. Die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde spricht von über 100 Todesfällen durch Unterernährung – allein in den letzten Tagen.
Israel weist die Vorwürfe entschieden zurück. Premierminister Benjamin Netanjahu sprach am 28. Juli von einer „dreisten Lüge“ und sagte: „Es gibt keine Politik der Aushungerung in Gaza – und es gibt keine Hungersnot.“ Israel wirft der UNO Versagen bei der Verteilung von Hilfsgütern und der Hamas Diebstahl dieser Güter vor.
US-Präsident Donald Trump widersprach jedoch seinem Verbündeten: „Was ich im Fernsehen sehe – diese Kinder sehen aus, als ob sie hungern.“ Die USA würden viel Geld und Lebensmittel schicken. Es sei nun dringend notwendig, dass die Kinder in Gaza „Sicherheit und Nahrung“ erhielten.
Tragische Einzelschicksale und dramatische Preisexplosion
Wie Care-Mitarbeiterin Beckie Ryan, die sich ebenfalls in Deir al-Balah aufhält, berichtet, seien Szenarien wie das von Amal Nassar „mittlerweile der Normalfall“. Ihre Klinik verzeichnet einen drastischen Anstieg an akut unterernährten Kindern. Temperaturen über 40 Grad und fehlendes sauberes Wasser verschärfen die Lage zusätzlich.
Da Banken geschlossen und Bargeld knapp ist, sind selbst Menschen mit Einkommen gezwungen, hohe Prämien zu zahlen, um an Bargeld zu kommen. Die Preise für Grundnahrungsmittel schießen deshalb ins Unermessliche – wer zahlt, zahlt doppelt: für Ware und für Bargeld.
Hilfslieferungen blockiert – Verteilung gefährlich
Zwar erlaubt Israel mittlerweile wieder begrenzte Hilfslieferungen durch die Vereinigten Arabischen Emirate und Jordanien, darunter Mehl, Zucker und Konserven – meist über Luftabwürfe. Doch Helfer betonen, dass Hilfskonvois auf dem Landweg deutlich effektiver wären. Tausende Lastwagen mit Hilfsgütern stünden in Ägypten und Jordanien bereit, dürften aber nicht weiterfahren.
Nassar selbst meidet die von den USA unterstützten Verteilzentren der „Gaza Humanitarian Foundation“, da sie sich dort nicht sicher fühlt. Laut UNO kam es dort bereits zu tödlichen Zwischenfällen, die unter anderem auf israelischen Beschuss zurückgeführt werden. Die Organisation widerspricht dieser Darstellung und nennt die Angaben „übertrieben und falsch“.
Ein Leben ohne Obst, Gemüse oder Windeln
Wochenlang keine frischen Lebensmittel, keine Windeln für die Kinder – oder nur zu extremen Preisen: „Ein Windel kostet zehn Dollar. Wenn ich es mir nicht leisten kann, benutze ich Plastiktüten. Die verursachen blutende Ausschläge bei Mira“, sagt Nassar. „Unsere Lage ist wirklich furchtbar.“
Fazit
Die Hungerkrise im Gazastreifen hat ein alarmierendes Ausmaß erreicht. Während internationale Organisationen von einer beginnenden Hungersnot sprechen, geben sich Israel und internationale Partner gegenseitig die Schuld. Für Menschen wie Amal Nassar und ihre Kinder ist all das zweitrangig – sie kämpfen jeden Tag ums Überleben.