Mit dem Start des ersten digitalen Archivs zur jüdischen Literatur aus der Zeit des Nationalsozialismus ist ein bedeutender Schritt zur Sichtbarmachung jüdischer Kultur und Geschichte getan worden. Das Archiv, das seit dem Abend online verfügbar ist, wurde von der Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Kerstin Schoor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) initiiert und im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts aufgebaut. Es ist das erste seiner Art und gewährt der Öffentlichkeit erstmals umfassenden digitalen Zugang zu bislang oft vergessenen oder verdrängten Texten jüdischer Autorinnen und Autoren, die zwischen 1933 und 1945 in Deutschland und im Exil entstanden sind.
„Literatur nur für Juden“
„Von 1933 bis 1945 hat es jüdische Literatur gegeben – aber sie war eine Literatur von Juden für Juden“, sagte Kerstin Schoor im Interview mit dem MDR. Die jüdische Literatur jener Zeit habe sich in einer abgeschlossenen Sphäre entwickelt: Verlegt in kleinen jüdischen Verlagen, vertrieben in Gemeinden, Bibliotheken und Exilnetzwerken, zensiert vom NS-Regime und systematisch ausgeblendet vom offiziellen Literaturbetrieb des Dritten Reiches. „Diese Stimmen wurden jahrzehntelang ignoriert oder verdrängt – unser Archiv soll diese Lücke im kulturellen Gedächtnis endlich schließen.“
Über 4.000 Werke online verfügbar
Das digitale Archiv umfasst bereits über 4.000 Werke: Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke, Essays, Kinderbücher sowie autobiografische und journalistische Texte. Erfasst wurden sowohl im deutschsprachigen Exil veröffentlichte Literatur (etwa in der Schweiz, in den USA, Palästina oder Großbritannien) als auch Werke, die im innerjüdischen Raum des sogenannten „Reichsverbands der Juden in Deutschland“ entstanden sind – darunter viele Schriften, die bislang nur in Privatbibliotheken, Archiven oder Nachlässen existierten.
Zahlreiche Autorinnen und Autoren, die heute in Vergessenheit geraten sind, werden durch das Archiv wieder zugänglich gemacht. Dazu zählen unter anderem die Werke von Jakob van Hoddis, Else Dormitzer, Max Krell, Herbert Kranz und Grete Weil. Die Plattform ist kostenlos und öffentlich zugänglich und richtet sich sowohl an Wissenschaft, Bildungseinrichtungen als auch an interessierte Leserinnen und Leser.
Ein Beitrag zur Erinnerungskultur
Das Projekt versteht sich nicht nur als literarische Wiederentdeckung, sondern auch als ein aktiver Beitrag zur Erinnerungskultur. Es bietet durchsuchbare Digitalisate, Kontextinformationen und biografische Hintergründe zu den Schreibenden. Auch die Bedingungen, unter denen die Werke entstanden sind – Zensur, Verfolgung, Exil, existenzielle Bedrohung – werden dokumentiert. Das Archiv verknüpft damit historische Forschung mit digitaler Technik und ermöglicht neue Formen der Auseinandersetzung mit jüdischer Literaturgeschichte.
Kerstin Schoor kündigte an, das Archiv künftig kontinuierlich auszubauen. Ziel sei es, nicht nur weitere Texte zu erschließen, sondern auch eine Plattform für zukünftige Forschung, Übersetzungen und Bildungsarbeit zu schaffen.
Das digitale Archiv ist unter der Trägerschaft der Viadrina-Universität entstanden und wurde unter anderem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Es ist ein Meilenstein der Aufarbeitung jüdischer Kulturgeschichte und ein kraftvolles Signal gegen das Vergessen.