Melissa Febos, preisgekrönte Essayistin und Autorin von Girlhood, war lange Zeit eine sogenannte „serienmonogame“ Partnerin – immer in Beziehungen, oft ohne Pause. Doch nach einem schmerzhaften Beziehungsende zog sie die Notbremse. Kein neuer Partner, kein Sex – für ein ganzes Jahr.
Was als Selbstschutz begann, wurde zur tiefgreifenden, fast spirituellen Transformation. In ihrem neuen Buch The Dry Season beschreibt Febos nicht die Abwesenheit von Sexualität, sondern die Fülle, die daraus erwachsen kann.
„Ich dachte, ich würde auf etwas verzichten“, sagt sie. „Aber ich habe so viel gewonnen – Klarheit, Selbstachtung, Freiheit.“
Im Zentrum stand die Frage: Warum geriet sie immer wieder in dieselben emotionalen Muster? Mithilfe einer persönlichen „Inventur“ analysierte Febos ihre Beziehungen. Das Resultat war ernüchternd: „Du benutzt Menschen“, sagte ein enger Freund, nachdem er ihre Liste gesehen hatte. Dieser Satz traf – aber er weckte auch ihre Bereitschaft zur Veränderung.
Febos fand heraus, dass sie sich nicht einfach nach Nähe sehnte – sondern sich selbst verloren hatte. Die einjährige Pause vom Dating führte sie zurück zu einem Leben voller kleiner Freuden: Tanzen mit Freund*innen, Bücher verschlingen, ein perfekter Himbeer-Nachmittag. Sie beschreibt diese Zeit als die „sinnlichste ihres Lebens“ – obwohl sie keinen Sex hatte.
„Ich fühlte mich nicht leer. Im Gegenteil: Ich war präsenter, lebendiger, wacher als je zuvor.“
Inzwischen ist Febos glücklich verheiratet. Doch ihr Buch ist keine klassische Liebesgeschichte. Es ist eine Einladung, sich selbst als vollständige Person zu erleben – ohne ständige Bestätigung durch romantische Bindung.
Die Autorin trifft damit einen Nerv. In den USA wächst die Zahl junger Menschen, die freiwillig auf Sex verzichten oder eine kritischere Haltung zur Liebe als Lebensziel einnehmen. Der Begriff „boysober“ macht in sozialen Medien die Runde. Und Prominente wie Julia Fox und Lenny Kravitz sprechen offen über Phasen freiwilliger Enthaltsamkeit.
Febos sieht in dieser Bewegung keine Flucht vor Intimität, sondern eine bewusste Rückkehr zu sich selbst – besonders für Frauen: „Uns wird beigebracht, dass Selbstfürsorge egoistisch ist. Dabei ist sie der Anfang von allem.“