Zehn Jahre nach jenem prägenden Moment, als Angela Merkel während der Flüchtlingskrise 2015 ihren berühmten Satz „Wir schaffen das“ aussprach, bekräftigte die frühere Bundeskanzlerin nun erneut ihre Überzeugung. Auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover stellte sie klar: Diese Worte seien kein persönliches Versprechen gewesen – sondern ein Ausdruck tiefen Vertrauens in die Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit der deutschen Bevölkerung.
„Ich habe nicht gesagt: Ich schaffe das“, betonte Merkel vor großem Publikum. „Ich habe damit mein Vertrauen in die Menschen in Deutschland ausgedrückt – und ich wurde darin bestätigt.“ Der Applaus, der auf ihre Worte folgte, zeigte deutlich: Für viele bleibt ihre damalige Haltung ein moralischer Fixpunkt in einer Zeit, die das Land herausforderte, aber auch zusammenschweißte.
Ein Satz, der bis heute polarisiert
Obwohl Merkel seit Jahren nicht mehr im Amt ist, wirkt ihr Satz bis heute nach – und stößt immer noch auf Widerspruch. In der politischen Debatte wurde er oft zum Angriffspunkt, ein Symbol für eine angeblich gescheiterte Migrationspolitik. Doch Merkel stellt sich der Kritik offen: „Der Satz ist mir oft um die Ohren gehauen worden“, räumte sie ein. Und dennoch bereue sie ihn nicht – denn er stehe für eine humanitäre Grundhaltung, die in einer Ausnahmesituation getragen habe.
Ein neuer Kurs unter Merz
Während Merkel für ihre damalige Entscheidung Applaus erhielt, zeichnet sich politisch ein klarer Kurswechsel ab: CDU-Vorsitzender Friedrich Merz und die von ihm geführte neue Bundesregierung planen weitreichende Verschärfungen in der Migrationspolitik. Schon in der kommenden Woche sollen stärkere Grenzkontrollen und schnellere Zurückweisungen umgesetzt werden. Auch auf EU-Ebene wolle man nun einen restriktiveren Weg unterstützen.
Realismus und Menschlichkeit: Merkels Balanceakt
Merkel zeigte jedoch auch Verständnis für notwendige Ordnung in der Migrationsfrage. Niemand könne täglich zehntausende Menschen aufnehmen, und es müsse klarer unterschieden werden, wer bleiben dürfe und wer nicht. Doch im Angesicht der damaligen Krise sei es richtig gewesen, Menschen in Not nicht abzuweisen. Es war ein Moment, in dem Deutschland nicht nur reagierte, sondern Verantwortung übernahm.
Ein Plädoyer für Zusammenhalt
Angela Merkel hat an diesem Tag nicht nur einen Satz verteidigt. Sie hat an ein Selbstverständnis appelliert, das in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung wichtiger ist denn je: dass Solidarität, Mitgefühl und gemeinschaftliches Handeln mehr bewirken können als Angst und Abschottung.