Der anhaltende Personalmangel an Berlins Schulen verschärft sich weiter. Nach aktuellen Angaben des Berliner Senats sind 380 Lehrkräfte seit mindestens einem Jahr krankheitsbedingt nicht im Dienst. Die Zahlen gehen aus einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage des Abgeordneten Alexander King (BSW) hervor und verdeutlichen die zunehmenden Herausforderungen für das Berliner Bildungssystem.
Hunderte Lehrkräfte langfristig ausgefallen
Den vorliegenden Daten zufolge fehlen 225 verbeamtete Lehrkräfte bereits seit mindestens zwölf Monaten krankheitsbedingt. Hinzu kommen 155 angestellte Lehrerinnen und Lehrer, die ebenfalls seit einem Jahr oder länger arbeitsunfähig sind.
Damit stehen den Schulen dauerhaft fast 400 Lehrkräfte nicht zur Verfügung – eine erhebliche Belastung für Kollegien, Schulleitungen und vor allem für die Schülerinnen und Schüler.
Unterrichtsausfall und Mehrarbeit
Langzeiterkrankungen sind für jede Schule schwer zu kompensieren. Anders als kurzfristige Krankmeldungen lassen sich dauerhafte Ausfälle häufig nur teilweise durch Vertretungslehrkräfte oder Neueinstellungen auffangen.
Die Folgen zeigen sich vielerorts im Schulalltag:
- Unterricht muss zusammengelegt oder gekürzt werden.
- Fachunterricht fällt aus oder wird fachfremd erteilt.
- Kolleginnen und Kollegen übernehmen zusätzliche Stunden.
- Schulleitungen verbringen immer mehr Zeit mit der Organisation von Vertretungsplänen.
Gerade in ohnehin personell angespannten Schulen führt dies zu einer zusätzlichen Belastung des verbliebenen Personals.
Ein strukturelles Problem
Die Zahlen werfen zugleich grundsätzliche Fragen auf. Zwar können längere Erkrankungen unterschiedlichste Ursachen haben – von schweren körperlichen Erkrankungen bis hin zu psychischen Belastungen –, doch die hohe Zahl langfristiger Ausfälle deutet auf ein strukturelles Problem hin.
Lehrkräfte berichten seit Jahren über steigende Arbeitsbelastung, zunehmende Bürokratie, größere Klassen, Inklusionsaufgaben sowie einen wachsenden Mangel an pädagogischem Personal. Hinzu kommen Konflikte mit Eltern, steigende Anforderungen an die Digitalisierung und eine wachsende Zahl von Schülerinnen und Schülern mit besonderem Förderbedarf.
Kritik an der Personalpolitik
Aus Sicht von Bildungsexperten stellt sich die Frage, ob die bisherigen Maßnahmen des Senats ausreichen, um dem Lehrkräftemangel wirksam entgegenzuwirken.
Berlin wirbt seit Jahren intensiv um neue Lehrkräfte und setzt zunehmend auf Quereinsteiger. Dennoch gelingt es bislang nicht, den Bedarf dauerhaft zu decken. Langfristige Krankheitsausfälle verschärfen diese Situation zusätzlich.
Kritiker bemängeln, dass sich die Bildungspolitik häufig auf die Gewinnung neuer Lehrkräfte konzentriere, während der Erhalt der Gesundheit des vorhandenen Personals zu wenig Aufmerksamkeit erhalte. Prävention, Entlastung und bessere Arbeitsbedingungen seien ebenso wichtig wie die Ausbildung neuer Lehrer.
Belastung für Schülerinnen und Schüler
Die Auswirkungen treffen letztlich vor allem die Kinder und Jugendlichen. Kontinuierlicher Unterricht ist ein zentraler Faktor für den Lernerfolg. Fallen Lehrkräfte über Monate oder sogar Jahre aus, leidet häufig die Unterrichtsqualität.
Gerade Abschlussklassen oder Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf sind auf verlässliche Lehrkräfte angewiesen. Häufig wechselnde Vertretungen erschweren stabile Lernprozesse und können die Motivation beeinträchtigen.
Differenzierte Betrachtung notwendig
Die Zahl von fast 400 langzeiterkrankten Lehrkräften darf jedoch nicht zu pauschalen Schuldzuweisungen führen. Hinter jeder Langzeiterkrankung steht zunächst ein individuelles gesundheitliches Schicksal. Viele Betroffene leiden an schweren Erkrankungen oder befinden sich in langwierigen Rehabilitationsmaßnahmen.
Die eigentliche politische Herausforderung besteht deshalb weniger darin, einzelne Krankheitsfälle zu kritisieren, sondern die Ursachen dauerhaft hoher Ausfallzahlen zu analysieren und die Arbeitsbedingungen im Schuldienst nachhaltig zu verbessern.
Fazit
Die aktuellen Zahlen machen deutlich, wie angespannt die Personalsituation an Berlins Schulen inzwischen ist. Fast 400 Lehrkräfte fehlen bereits seit mindestens einem Jahr – mit spürbaren Folgen für Unterricht, Kollegien und Schülerinnen und Schüler.
Die Entwicklung zeigt zugleich, dass der Lehrkräftemangel längst nicht mehr allein ein Rekrutierungsproblem ist. Ebenso wichtig wird die Frage, wie Lehrkräfte langfristig gesund im Beruf gehalten werden können. Ohne wirksame Maßnahmen zur Entlastung des Personals dürfte sich die Situation an vielen Berliner Schulen weiter verschärfen.