Mit dem Beginn des neuen Schuljahres stehen viele Familien in Schleswig-Holstein vor einer erheblichen finanziellen Belastung. Während Schulbücher im Rahmen der Lernmittelfreiheit gestellt werden, müssen Eltern zahlreiche weitere Ausgaben selbst tragen – von Arbeitsheften über Schreibmaterialien bis hin zu digitalen Endgeräten. Elternvertreter kritisieren seit Jahren, dass die tatsächlichen Kosten des Schulbesuchs deutlich höher ausfallen, als vielfach angenommen wird.
Mehrere hundert Euro noch vor dem ersten Schultag
Für viele Familien beginnt das Schuljahr mit einer Reihe kostspieliger Anschaffungen. Neben Heften, Stiften und Sportausrüstung schlagen auch Klassenfahrten und spezielle Arbeitsmaterialien zu Buche. Eine im NDR-Beitrag zitierte Mutter berichtet von Ausgaben in Höhe von rund 90 Euro für ihr Grundschulkind, weiteren Kosten für eine Sporttasche sowie 270 Euro für eine Klassenfahrt. Für ihr Gymnasialkind rechnet sie zusätzlich mit Materialkosten von rund 250 Euro.
Nach Angaben der Landeselternbeiräte geben Eltern allein für Arbeitshefte und Verbrauchsmaterialien durchschnittlich rund 210 Euro pro Kind aus. Hinzu kommen Ausgaben für Bücher, die nicht unter die Lernmittelfreiheit fallen.
Digitale Ausstattung treibt die Kosten weiter nach oben
Besonders kritisch sehen Elternvertreter die zunehmende Digitalisierung des Unterrichts. Zwar verfügen viele Schulen inzwischen über eigene Tablets oder Laptops, dennoch entstehen Familien zusätzliche Kosten etwa für private Endgeräte, Software-Lizenzen, Eingabestifte oder Wartung. Nach Einschätzung des Landeselternbeirats gehören diese Ausgaben mittlerweile zu den größten finanziellen Belastungen im Schulalltag.
Bereits eine frühere Landesstudie hatte die jährlichen Bildungsausgaben von Eltern auf rund 1.000 Euro pro Kind beziffert. Neuere Erhebungen der Landeselternbeiräte gehen inzwischen sogar von durchschnittlich etwa 1.300 Euro pro Schuljahr aus.
Forderung nach echter Lernmittelfreiheit
Elternvertreter und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordern seit Jahren eine umfassendere Lernmittelfreiheit. Ihrer Auffassung nach sollten sämtliche Materialien, die im Unterricht verpflichtend benötigt werden – einschließlich Arbeitsheften und digitaler Endgeräte –, von den Schulen bereitgestellt werden. Andernfalls bleibe die gesetzlich vorgesehene Lernmittelfreiheit unvollständig.
Das Bildungsministerium Schleswig-Holstein sieht hingegen derzeit keinen grundsätzlichen Handlungsbedarf und verweist auf Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. Familien mit geringem Einkommen können Zuschüsse für den persönlichen Schulbedarf beantragen. Dennoch räumen Elternvertreter ein, dass diese Hilfen nicht alle tatsächlichen Kosten abdecken und zudem nicht alle anspruchsberechtigten Familien erreichen.
Ehrenamtliche Initiativen schließen Versorgungslücken
Um finanzielle Belastungen abzufedern, engagieren sich zahlreiche Vereine und soziale Einrichtungen. In vielen Regionen Schleswig-Holsteins sammeln sie gebrauchte Schulranzen, bereiten diese auf oder finanzieren neue Schulsets für Familien mit geringem Einkommen. Zu den Initiativen zählen unter anderem der Lions Club in Flensburg, der Kinderschutzbund in Henstedt-Ulzburg, die Diakonie in Neumünster sowie der Verein „Ranzenretter“ aus Traventhal.
Der Verein „Ranzenretter“ bereitet gebrauchte Schulranzen auf, ergänzt sie mit Federmappen und Brotdosen und gibt sie kostenlos an Familien weiter. Nach Angaben der Initiatorin wurden bereits mehr als 200 Schulranzen vermittelt. Ein neuer Schulranzen kostet laut einer im Beitrag zitierten Erhebung durchschnittlich rund 123 Euro, komplette Sets erreichen häufig Preise von 180 Euro oder mehr, Markenmodelle sogar bis zu 300 Euro.
Viele Familien kennen Hilfsangebote nicht
Ein weiteres Problem sehen Elternvertreter in der mangelnden Bekanntheit vorhandener Unterstützungsangebote. Selbst engagierte Eltern seien häufig nicht ausreichend informiert, welche Hilfen vor Ort existieren. Hinzu komme, dass viele Betroffene aus Scham keine Unterstützung beantragen möchten. Deshalb wird vorgeschlagen, Schulen sollten bereits auf Materiallisten auf regionale Hilfsangebote hinweisen und Second-Hand-Angebote stärker fördern.
Fazit
Der Schulstart ist für viele Familien längst nicht nur organisatorisch, sondern auch finanziell eine Herausforderung. Trotz bestehender Förderprogramme entstehen jährlich erhebliche Kosten für Unterrichtsmaterialien, Klassenfahrten und digitale Ausstattung. Während das Land auf bestehende Unterstützungsangebote verweist, fordern Elternvertretungen eine umfassende Reform der Lernmittelfreiheit. Bis dahin bleiben vielerorts ehrenamtliche Initiativen unverzichtbar, um Kindern unabhängig von der finanziellen Situation ihrer Familien einen gleichberechtigten Start ins neue Schuljahr zu ermöglichen.