Russland wirbt seit einiger Zeit gezielt um Menschen aus westlichen Ländern, die mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung ihrer Heimat unzufrieden sind. Mit einem speziellen Aufenthaltsprogramm für Anhänger sogenannter „traditioneller Werte“ will der Kreml Familien, Christen und konservative Auswanderer anlocken. Doch für einige endet der Traum vom neuen Leben deutlich ernüchternder als erwartet.
Einer von ihnen ist der Amerikaner Leo Hare aus Texas. Ende 2023 zog er mit seiner Familie nach Russland und war überzeugt, dort eine Gesellschaft zu finden, die stärker auf christlichen Werten, Familie und Tradition basiert. Russland schien für ihn die Alternative zu einer aus seiner Sicht zunehmend polarisierten und liberalen Entwicklung in den USA zu sein.
Der russische Staat unterstützt dieses Bild aktiv. Seit 2024 gibt es ein spezielles Visum für Bürger aus 47 Staaten, die Moskau als „unfreundlich“ einstuft. Voraussetzung ist nicht etwa ein Sprachtest, sondern die Erklärung, dass man die „traditionellen geistigen und moralischen Werte“ Russlands teile und die aus russischer Sicht „destruktive neoliberale Ideologie“ des Westens ablehne.
Nach offiziellen Angaben haben bislang rund 3.400 Menschen einen entsprechenden Antrag gestellt. Gemessen an der internationalen Aufmerksamkeit bleibt die Zahl allerdings überschaubar.
Für Leo Hare entwickelte sich das neue Leben schneller als gedacht zu einer Belastungsprobe. Nach eigenen Angaben verlor seine Familie durch einen Betrugsfall umgerechnet mehr als 50.000 Pfund, zeitweise war sie sogar ohne feste Unterkunft. Heute arbeitet er als Englischlehrer und spricht zwar weiterhin mit großer Wertschätzung über die Hilfsbereitschaft vieler Russen, blickt jedoch deutlich kritischer auf seine Entscheidung.
Besonders Einschränkungen beim Zugang zu Informationen sowie die wirtschaftliche Entwicklung bereiten ihm Sorgen. Rückblickend räumt er ein, dass auch er sich von der positiven Darstellung Russlands habe beeinflussen lassen. Seine Worte fallen deutlich aus: Er habe selbst an die Propaganda geglaubt.
Ähnlich differenziert äußert sich Ben aus dem englischen Derby, der wegen seiner russischen Ehefrau nach Russland zog. Er beschreibt die Menschen als freundlich und fühlt sich im Alltag sicher. Gleichzeitig widerspricht er entschieden dem Bild eines konservativen Paradieses. Hohe Scheidungsraten, viele Alleinerziehende und die gesellschaftliche Akzeptanz von Schwangerschaftsabbrüchen passten seiner Ansicht nach kaum zu dem Idealbild, das manche Influencer im Westen zeichneten.
Trotzdem gibt es auch Menschen, die ihre Entscheidung nicht bereuen. Einige sehen Russland bewusst als Gegenmodell zu ihren Heimatländern und möchten dort dauerhaft leben. Andere betonen, dass ihre Auswanderung vor allem familiäre oder persönliche Gründe habe und nicht politisch motiviert sei.
Der Bericht zeigt vor allem eines: Zwischen der politischen Vermarktung Russlands als Heimat „traditioneller Werte“ und dem tatsächlichen Alltag liegen oft erhebliche Unterschiede. Wer aus ideologischen Gründen auswandert, stellt häufig fest, dass auch Russland mit wirtschaftlichen Problemen, Bürokratie und gesellschaftlichen Widersprüchen zu kämpfen hat. Am Ende ersetzt kein politisches Narrativ die Realität des täglichen Lebens.