Ein Jahr nach dem Absturz von Air India Flug 171 dauern die Kontroversen über die Ursache der Tragödie an. Während offizielle Ermittler weiterhin an ihrem Abschlussbericht arbeiten, streiten Experten, Pilotenverbände, Anwälte und Sicherheitsorganisationen über die Frage, ob menschliches Versagen oder ein technischer Defekt zum Unglück geführt haben könnte.
Am 12. Juni 2025 war die Boeing 787-8 Dreamliner kurz nach dem Start im indischen Ahmedabad abgestürzt. Von den 240 Menschen an Bord überlebte lediglich ein Passagier. Zudem kamen zahlreiche Menschen am Boden ums Leben. Das Unglück gilt als eines der schwersten Flugzeugunglücke der vergangenen Jahre und war zugleich der erste Totalverlust einer Boeing 787 durch einen Unfall.
Vorläufiger Bericht löst heftige Debatte aus
Im Mittelpunkt der Diskussion steht ein vorläufiger Untersuchungsbericht der indischen Flugunfallbehörde AAIB. Demnach wurden wenige Sekunden nach dem Start die Treibstoffschalter beider Triebwerke in die Abschaltposition versetzt. Dadurch verloren die Triebwerke ihre Schubkraft.
Besonders brisant war eine Passage aus den Cockpitaufzeichnungen. Dort soll einer der Piloten den anderen gefragt haben, warum er die Treibstoffzufuhr abgeschaltet habe. Der angesprochene Pilot habe dies jedoch bestritten.
Diese wenigen Zeilen lösten weltweit Spekulationen aus. Einige Experten sahen darin Hinweise auf eine vorsätzliche Handlung eines Piloten. Pilotenverbände und Angehörige kritisierten dagegen, dass solche Schlussfolgerungen ohne vollständige Veröffentlichung der Aufzeichnungen voreilig seien.
Pilotenverbände wehren sich gegen Schuldzuweisungen
Vor allem in Indien stieß die Interpretation des Berichts auf scharfen Widerstand. Vertreter von Pilotenorganisationen werfen den Ermittlern vor, zu früh den Eindruck erweckt zu haben, die Besatzung könne für den Absturz verantwortlich gewesen sein.
Kritiker argumentieren, dass verstorbene Piloten sich nicht mehr gegen Vorwürfe verteidigen könnten. Daher müsse jede mögliche technische Ursache mit derselben Intensität untersucht werden wie menschliches Fehlverhalten.
Auch Angehörige der Opfer fordern zusätzliche Untersuchungen und mehr Transparenz bei den Ermittlungen.
Hinweise auf technische Probleme
Zusätzliche Brisanz erhält die Debatte durch Berichte über frühere technische Auffälligkeiten der verunglückten Maschine. Sicherheitsorganisationen verweisen auf dokumentierte elektrische Probleme während der Einsatzzeit des Flugzeugs.
Diskutiert wird unter anderem die Möglichkeit eines schwerwiegenden elektrischen Systemausfalls. Nach dieser Theorie könnten zentrale Computersysteme unmittelbar nach dem Start neu gestartet worden sein. In der Folge hätten Flugzeugsysteme irrtümlich angenommen, die Maschine befinde sich noch am Boden, und automatisch Maßnahmen ausgelöst, die letztlich zum Ausfall der Triebwerke führten.
Bislang gibt es für diese Hypothese jedoch keine offizielle Bestätigung.
Fragen um Notstromsystem
Weitere Diskussionen betreffen den sogenannten Ram-Air-Turbine-Generator (RAT), ein Notstromsystem, das sich bei schwerwiegenden Ausfällen automatisch ausfährt.
Videoaufnahmen deuten darauf hin, dass dieses System bereits sehr früh aktiviert wurde. Anwälte von Opferfamilien sehen darin einen möglichen Hinweis darauf, dass technische Probleme bereits vor dem dokumentierten Triebwerksausfall begonnen haben könnten.
Ob diese Beobachtungen tatsächlich Rückschlüsse auf die Unfallursache zulassen, bleibt Gegenstand der laufenden Untersuchungen.
Boeing und Air India unter Druck
Für Boeing steht viel auf dem Spiel. Die 787 Dreamliner galt bislang als eines der sichersten Langstreckenflugzeuge weltweit. Nach den Problemen mit der 737 MAX würde ein technischer Zusammenhang erneut Fragen zur Sicherheitskultur des Konzerns aufwerfen.
Auch Air India verfolgt die Ermittlungen mit großer Aufmerksamkeit. Die Fluggesellschaft befindet sich seit Jahren in einem umfassenden Umstrukturierungsprozess und versucht, ihr internationales Ansehen zu stärken.
Kritik am internationalen Ermittlungsverfahren
Der Fall hat zudem eine grundsätzliche Debatte über die Untersuchung von Flugzeugunglücken ausgelöst. Kritiker bemängeln, dass die Ermittlungen häufig von den Behörden des jeweiligen Unfallstaates geführt werden, während Hersteller und andere Beteiligte gleichzeitig als technische Berater eingebunden sind.
Sicherheitsorganisationen fordern daher unabhängige internationale Untersuchungsstellen, um mögliche Interessenkonflikte zu vermeiden und das Vertrauen in die Ergebnisse zu stärken.
Abschlussbericht mit Spannung erwartet
Nach internationalen Regeln müsste die indische Flugunfallbehörde spätestens zum ersten Jahrestag des Unglücks einen Zwischen- oder Abschlussbericht veröffentlichen. Beobachter rechnen jedoch nicht damit, dass alle offenen Fragen kurzfristig beantwortet werden.
Fest steht bereits heute: Der Absturz von Air India Flug 171 hat nicht nur hunderte Familien erschüttert, sondern auch eine internationale Diskussion über Flugsicherheit, Transparenz und die Unabhängigkeit von Unfalluntersuchungen ausgelöst. Ob die endgültigen Ergebnisse die kontroversen Debatten beenden können, bleibt abzuwarten.