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Strom fürs Nervensystem: Wie Vagusnerv-Stimulatoren gegen Stress wirken sollen – und wo Skepsis angebracht ist

pedrofigueras (CC0), Pixabay

Sie sehen aus wie kabellose Kopfhörer, sollen aber weit mehr können als Musik abspielen: sogenannte Vagusnerv-Stimulatoren versprechen Entspannung, bessere Stimmung und weniger Stress. Ein Medizintechnik-Unternehmen aus Erlangen hat ein Gerät entwickelt, das den Vagusnerv mithilfe leichter Stromimpulse stimuliert. Gleichzeitig drängen immer mehr günstige „Wellness“-Produkte auf den Markt. Doch was ist medizinisch belegt – und was eher Trend?

Ein Nerv als Schaltzentrale für Entspannung

Der Vagusnerv ist Teil des parasympathischen Nervensystems. Er beeinflusst Herzfrequenz, Verdauung, Immunreaktionen und emotionale Regulation. Kurz gesagt: Er spielt eine zentrale Rolle bei Entspannung und Regeneration.

In der sogenannten Biohacking-Szene gilt der Nerv deshalb als Schlüssel zur inneren Balance. Aktivieren lässt er sich auf natürliche Weise etwa durch Atemübungen, Meditation oder Kältereize. Technische Hilfsmittel sollen diesen Effekt gezielt verstärken.

Stimulation über das Ohr

Das in Erlangen entwickelte Gerät wird am Ohr angebracht – genauer gesagt in der sogenannten Cymba Conchae, einer knorpeligen Falte über dem Gehörgang. Dort verlaufen oberflächennahe Äste des Vagusnervs.

Über zwei kleine Elektroden werden schwache elektrische Impulse abgegeben. Die Intensität kann individuell eingestellt werden. Nutzer berichten von einem leichten Kribbeln, Vibrieren oder Wärmegefühl – schmerzhaft sollte die Anwendung nicht sein.

Das Gerät kostet mehrere tausend Euro und ist als medizinisches Produkt konzipiert.

Von der Implantation zur nicht-invasiven Therapie

Die Stimulation des Vagusnervs ist keine neue Idee. Bereits in den 1980er-Jahren wurden implantierbare Systeme entwickelt. Dabei wird operativ eine Elektrode am Hals um den Nerv gelegt, verbunden mit einem Impulsgeber im Brustbereich.

Zugelassen wurde dieses Verfahren zunächst für therapieresistente Epilepsie und später auch für schwere Depressionen. Seit rund 15 Jahren existieren nicht-invasive Varianten, bei denen die Impulse über die Haut – am Hals oder Ohr – übertragen werden.

2017 erhielt in den USA ein Halsgerät die Zulassung zur Behandlung von Cluster-Kopfschmerzen.

Kein Effekt auf Knopfdruck

Fachleute betonen allerdings: Vagusnerv-Stimulation ist keine Sofortmaßnahme gegen Stress. Studien zeigen, dass therapeutische Effekte meist erst nach mehreren Wochen regelmäßiger Anwendung auftreten. Empfohlen wird eine tägliche Nutzungsdauer zwischen 30 Minuten und mehreren Stunden.

Eine „Heilung auf Knopfdruck“ sei nicht realistisch. Vielmehr handle es sich um eine längerfristige Therapieform.

Boom der günstigen Wellness-Geräte

Parallel zu den medizinischen Anwendungen ist ein Markt für kostengünstige Geräte entstanden. Diese werden online bereits ab rund 50 Euro angeboten und versprechen Stressabbau, besseren Schlaf oder gesteigerte Konzentration.

Hier beginnt jedoch die Kritik.

Anders als zugelassene Medizinprodukte müssen diese Wellness-Varianten keine umfangreichen Wirksamkeitsnachweise vorlegen. Es ist oft unklar, ob die abgegebenen Signale den Vagusnerv tatsächlich erreichen – und welche Effekte sie tatsächlich haben.

Experten warnen daher vor überzogenen Erwartungen. Ohne kontrollierte Studien lasse sich nicht seriös beurteilen, ob solche Geräte mehr bewirken als einen Placeboeffekt.

Zwischen Hoffnung und Hype

Die Idee, über gezielte Nervenstimulation Einfluss auf Stress und Stimmung zu nehmen, ist wissenschaftlich fundiert. In bestimmten medizinischen Indikationen gilt die Vagusnerv-Stimulation als wirksame Therapieoption.

Ob sie jedoch als allgemeines Lifestyle-Instrument gegen Alltagsstress taugt, hängt stark vom Gerät, der Anwendung und der individuellen Situation ab.

Fest steht: Der Trend zeigt, wie groß das Bedürfnis nach technologischen Lösungen für mentale Gesundheit geworden ist. Zwischen seriöser Medizintechnik und Marketingversprechen liegt allerdings ein weiter Weg.

Wer über die Anschaffung eines solchen Geräts nachdenkt, sollte daher genau prüfen, ob es sich um ein zugelassenes Medizinprodukt handelt – und welche wissenschaftlichen Nachweise tatsächlich vorliegen.

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