Zum ersten Mal seit über 50 Jahren gibt es keine verbindlichen Obergrenzen mehr für die strategischen Atomwaffen der USA und Russlands. Mit dem Auslaufen des New-START-Vertrags ist ein zentrales Element der internationalen Rüstungskontrolle weggefallen. Viele Experten sprechen von einem historischen Einschnitt – und warnen vor einer neuen Phase globaler Unsicherheit.
Der 2010 geschlossene Vertrag begrenzte die Zahl strategischer Nuklearwaffen auf jeweils 1.550 Sprengköpfe sowie 700 Trägersysteme pro Seite. Gemeint sind jene Waffen, die das Territorium des jeweils anderen Landes direkt erreichen können – Interkontinentalraketen, U-Boot-gestützte Systeme und schwere Bomber. New START war nicht nur ein Symbol der Kooperation nach dem Kalten Krieg, sondern auch ein Instrument zur Transparenz: Gegenseitige Inspektionen und Meldepflichten sorgten für Berechenbarkeit.
Mit dem Wegfall dieser Regeln beginnt nun eine Phase ohne quantitative Beschränkungen. Zwar bleibt der Atomwaffensperrvertrag (NPT) weiterhin in Kraft und verhindert die Weiterverbreitung von Kernwaffen an neue Staaten. Doch zwischen Washington und Moskau existieren derzeit keine konkreten Obergrenzen mehr. In einer ohnehin angespannten Weltlage – mit dem anhaltenden Krieg in der Ukraine und einem aufrüstenden China – wächst die Sorge vor einem neuen nuklearen Wettrüsten.
China spielt in dieser Debatte eine zunehmend wichtige Rolle. Zwar ist sein Arsenal deutlich kleiner als das der beiden Großmächte, doch Peking baut seine Kapazitäten kontinuierlich aus. In den USA gibt es daher Stimmen, die zukünftige Rüstungskontrollgespräche nur noch trilateral – also unter Einbeziehung Chinas – führen wollen. Experten halten dies jedoch für diplomatisch schwierig. China signalisiert bislang wenig Interesse an formellen Verhandlungen, insbesondere solange die Arsenale der USA und Russlands deutlich größer sind.
Auch andere Regionen sorgen für Unruhe. Iran steht weiterhin im Fokus internationaler Beobachtung. Trotz militärischer Rückschläge verfügt das Land über große Mengen hochangereicherten Urans. Der Zugang internationaler Inspekteure ist eingeschränkt, was das Vertrauen zusätzlich untergräbt. Nordkorea wiederum hat sich faktisch als Atommacht etabliert und treibt sein Programm unbeirrt voran. Schätzungen zufolge verfügt Pjöngjang über Material für rund 100 Sprengköpfe.
Hinzu kommen etablierte Nuklearmächte wie Indien und Pakistan. Beide Länder lieferten sich zuletzt erneut militärische Auseinandersetzungen. Zwar blieben diese begrenzt, doch sie zeigen, wie schnell Konflikte zwischen Atommächten eskalieren können.
Das schlimmste Szenario bleibt der tatsächliche Einsatz einer Kernwaffe – ob absichtlich oder aus Fehlkalkulation. Seit 1945 wurden Atomwaffen nicht mehr in einem Krieg eingesetzt. Diese lange Phase der Nichtverwendung gilt als Erfolg der Abschreckung, aber auch der Diplomatie. Das beste Szenario wäre daher eine Rückkehr zu verbindlichen Abkommen und verlässlichen Kommunikationskanälen.
Die Welt tritt in ein neues nukleares Zeitalter ein – komplexer, multipolarer und schwerer kalkulierbar als während des Kalten Krieges. Umso wichtiger wird es sein, politische Dialoge aufrechtzuerhalten und neue Leitplanken für Stabilität zu schaffen, bevor Misstrauen und Aufrüstung die Oberhand gewinnen.