Ein Jahr nach der viel diskutierten Rede von US-Vizepräsident JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz liegt ein Schatten über Europas Sicherheitsarchitektur. Damals warf Vance Europa vor, seine größten Bedrohungen selbst zu erzeugen – durch Migrationspolitik, Einschränkungen der Meinungsfreiheit und mangelnde Eigenverantwortung in der Verteidigung. Heute wirken diese Aussagen wie ein Vorbote einer tiefgreifenden Verschiebung der transatlantischen Beziehungen unter Präsident Donald Trump.
Seit der Rückkehr Trumps ins Weiße Haus wurde die internationale Ordnung spürbar durcheinandergebracht. Strafzölle gegen Partner und Rivalen, ein harter Kurs in der Ukraine-Frage mit Zugeständnissen an Moskau und provokante Aussagen über territoriale Ansprüche – etwa gegenüber Kanada oder Grönland – haben Europas Vertrauen in die USA erschüttert. Besonders die Forderung, Europa müsse künftig „auf eigenen Füßen stehen“, wie sie in der jüngsten US-Sicherheitsstrategie formuliert wurde, sorgt für Unruhe.
Die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz, die in diesen Tagen beginnt, steht daher unter enormem Erwartungsdruck. Mehr als 50 Staats- und Regierungschefs werden erwartet, angeführt von US-Außenminister Marco Rubio. Doch statt Zuversicht dominiert Sorge: Ist die transatlantische Allianz noch verlässlich?
Ein zentraler Streitpunkt bleibt die Verteidigungslast. Jahrzehntelang haben die USA Europas Sicherheit maßgeblich mitfinanziert. Trump und sein Umfeld betrachten dieses Ungleichgewicht offen als Fehlentwicklung. Tatsächlich verfehlen einige Nato-Staaten weiterhin das Ziel, mindestens zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben. Gleichzeitig investiert Russland massiv in sein Militär. Viele Experten stimmen darin überein, dass Europa mehr Verantwortung übernehmen muss – doch der Ton aus Washington wirkt zunehmend konfrontativ.
Besonders heikel ist die Frage nach der Verlässlichkeit von Artikel 5 des Nato-Vertrags. Gilt das Beistandsversprechen im Ernstfall noch uneingeschränkt? Szenarien wie ein möglicher russischer Vorstoß im Baltikum oder Spannungen in der Arktis lassen Zweifel aufkommen, ob die USA unter Trump automatisch militärisch reagieren würden. Diese Unsicherheit birgt das Risiko gefährlicher Fehlkalkulationen – sowohl in Europa als auch in Moskau.
Gleichzeitig geht der Riss tiefer als militärische Fragen. Differenzen bei Handel, Migration, Demokratieverständnis und im Umgang mit autoritären Regimen belasten das Verhältnis zusätzlich. Beobachter sprechen von einem Bruch mit der US-Nachkriegsstrategie, die auf Multilateralismus, wirtschaftliche Verflechtung und demokratische Werte setzte.
Die Münchner Sicherheitskonferenz könnte Hinweise darauf liefern, wohin sich das transatlantische Bündnis bewegt. Klar ist schon jetzt: Die alte Gewissheit einer unverrückbaren Partnerschaft ist verschwunden. Europa steht vor der Herausforderung, sicherheitspolitisch eigenständiger zu werden – in einer Welt, die unter Trump unberechenbarer geworden ist.