Die Beziehungen zwischen Eritrea und Äthiopien haben sich erneut deutlich verschärft. Auslöser ist ein Schreiben des äthiopischen Außenministers Gedion Timothewos an seinen eritreischen Amtskollegen, in dem Eritrea beschuldigt wird, mit Truppen äthiopisches Staatsgebiet verletzt zu haben. Asmara weist diese Vorwürfe scharf zurück und spricht von „frei erfundenen Anschuldigungen“, die Teil einer seit Jahren andauernden feindseligen Kampagne seien.
In dem Brief, der am Sonntag bekannt wurde, forderte Äthiopien den sofortigen Rückzug eritreischer Soldaten aus dem Nordosten des Landes. Zudem warf Addis Abeba der Nachbarregierung „offene Aggression“ vor. Eritreische Streitkräfte würden demnach gemeinsame Militärmanöver mit äthiopischen Rebellengruppen im Nordwesten durchführen und diese mit Waffen versorgen. Eritreas Informationsministerium reagierte umgehend und erklärte, die Anschuldigungen seien „in Ton und Inhalt erstaunlich“ und entbehrten jeder Grundlage.
Die jüngste Eskalation weckt Erinnerungen an die lange und konfliktreiche Geschichte beider Länder. Eritrea hatte sich Anfang der 1990er-Jahre von Äthiopien abgespalten. Nur wenige Jahre später kam es zwischen 1998 und 2000 zu einem blutigen Grenzkrieg, bei dem mehr als 100.000 Menschen ums Leben kamen. Zwar wurde ein Friedensabkommen geschlossen, doch zentrale Punkte – insbesondere die Grenzfrage – blieben ungelöst.
Erst 2018 schien sich die Lage zu entspannen, als Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed nach Asmara reiste und eine Annäherung einleitete. Für seine Bemühungen erhielt Abiy später den Friedensnobelpreis. Während des äthiopischen Bürgerkriegs in Tigray standen sich Eritrea und Äthiopien sogar als Verbündete gegenüber, als eritreische Truppen die äthiopische Armee gegen Tigray-Milizen unterstützten. Diese Allianz ist inzwischen zerbrochen.
Ein zentraler Streitpunkt bleibt Äthiopiens Wunsch nach einem Zugang zum Meer. Das Binnenland fordert seit Längerem einen Seehafen, wobei Premierminister Abiy den Verlust eines eigenen Zugangs im Zuge der eritreischen Unabhängigkeit als „historischen Fehler“ bezeichnete. In seinem Schreiben deutete der äthiopische Außenminister an, dass Gespräche über einen Zugang zum Hafen Assab möglich seien, sollte Eritrea seine Truppen zurückziehen.
Zusätzlich belastet wird das Verhältnis durch neue Vorwürfe zu mutmaßlichen Massakern eritreischer Soldaten in der äthiopischen Stadt Aksum während des Tigray-Kriegs. Äthiopien beschuldigt Eritrea inzwischen auch, erneut Rebellen in der Region zu unterstützen. Eritrea weist auch dies zurück und wirft Äthiopien vor, bewusst Spannungen zu schüren, um einen neuen Krieg zu rechtfertigen. Die Sorge vor einer erneuten militärischen Auseinandersetzung am Horn von Afrika wächst.