München erlebt einen Prozessauftakt, der selbst erfahrene Beobachter erschüttert. Der Mann, der vor knapp einem Jahr mit seinem Auto in eine Menschenmenge raste und dabei eine junge Mutter und ihre zweijährige Tochter tötete, zeigte sich vor Gericht ohne jedes Zeichen von Reue. Im Gegenteil: Farhad Noori (25) provozierte gleich zu Beginn – mit einer Geste, die im Kontext islamistischen Terrors als bewusste Machtdemonstration gilt.
Gefesselt betrat der Angeklagte am Freitagvormittag den Verhandlungssaal A101 des Oberlandesgerichts München, einen Ort mit schwerer historischer Last. Sein Gesicht verbarg er hinter einem roten Schnellhefter. Doch die rechte Hand ließ er sichtbar erhoben, den Zeigefinger ausgestreckt. Die sogenannte Tauhid-Geste, im Islam ein Glaubensbekenntnis, wird von Extremisten häufig als Symbol ihrer Radikalität missbraucht. Noori zeigte diesen Gruß während der Anklageverlesung gleich mehrfach – ein stiller, aber unmissverständlicher Affront gegen die Opfer und ihre Angehörigen.
Die Bundesanwaltschaft wirft Noori zweifachen Mord sowie 44-fachen versuchten Mord vor. Sie geht von einem islamistisch motivierten Terroranschlag aus. Am 13. Februar 2025 war der damals 24-Jährige mit seinem Mini mitten in der Münchner Innenstadt in einen Demonstrationszug von rund 1400 Verdi-Teilnehmern gerast. Mit 34 bis 42 Stundenkilometern, so die Anklage, steuerte er zwischen Polizeifahrzeugen hindurch direkt in die Menge. Amel S. (37) und ihre kleine Tochter Hafsa (2) wurden mehrere Meter durch die Luft geschleudert und erlagen wenig später schwersten Kopfverletzungen. Insgesamt wurden 44 Menschen verletzt, einige von ihnen schwer. Der Wagen kam erst zum Stillstand, als unter ihm eingeklemmte Körper die Bodenhaftung der Reifen aufhoben.
Während im Saal die Details der Tat verlesen wurden, blieb der Angeklagte reglos. Auf die schlichte Frage des Vorsitzenden Richters, wie es ihm gehe, antwortete er knapp: „Ist gut.“ Mehr Worte verlor er nicht. Für die Nebenkläger, viele von ihnen selbst schwer verletzt, war dieses Schweigen kaum zu ertragen. Ihr Anwalt David Mühlberger sprach von tiefgreifenden körperlichen und psychischen Folgen, die das Leben seiner Mandanten dauerhaft verändert hätten.
Besonders erschütternd sind die Erkenntnisse aus der Untersuchungshaft. Einem Psychiater soll Noori erklärt haben, Allah habe ihm die Tat befohlen. Ein zuvor erstelltes Gutachten bescheinigt ihm dennoch volle Schuldfähigkeit. Genau darüber dürfte im weiteren Verlauf des Verfahrens noch heftig gestritten werden.
Der Prozess ist auf rund 40 Verhandlungstage angesetzt, ein Urteil wird im Juli erwartet. Selbst am Jahrestag der Tat soll verhandelt werden. Um die Betroffenen zu schützen, will der Vorsitzende Richter den Opfern weitere belastende Aussagen möglichst ersparen.
Was vom ersten Prozesstag bleibt, ist ein beklemmender Eindruck: Ein Angeklagter, der sich nicht entschuldigt, nicht erklärt – sondern provoziert. Und ein Gerichtssaal, in dem die Erinnerung an zwei ausgelöschte Leben und dutzende Verletzte schwerer wiegt als jedes demonstrative Schweigen.