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Immer mehr Autismus-Diagnosen in Deutschland – warum sich das Verständnis verändert

sanjay_kj (CC0), Pixabay

Die Zahl der Autismus-Diagnosen in Deutschland hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Laut einer Analyse der hkk Krankenkasse waren 2013 rund 0,4 Prozent der Bevölkerung betroffen, 2022 bereits 0,8 Prozent – das entspricht etwa 800.000 Menschen. Fachleute sehen darin keinen plötzlichen Anstieg von Autismus, sondern ein verändertes Bewusstsein und ein besseres Verständnis für das sogenannte Autismus-Spektrum.

Die Wiener Psychologin Kathrin Hippler erklärt: „Wir betrachten Autismus heute nicht mehr als einheitliche Störung, sondern als Spektrum unterschiedlicher Ausprägungen.“ Das gelte auch für ADHS. Zudem würden Mädchen und Frauen inzwischen besser diagnostiziert, weil ihr sogenannter „weiblicher Phänotyp“ – oft durch unauffällige oder sozial angepasste Verhaltensweisen – früher übersehen wurde.

Maskieren – das Leben hinter einer Fassade
Viele Betroffene lernen schon früh, ihr Verhalten an gesellschaftliche Erwartungen anzupassen – ein Phänomen, das in der Forschung als Maskieren bezeichnet wird. Hippler schildert das Beispiel eines Mädchens, das soziale Schwierigkeiten durch Nachahmung überspielt: „Sie beobachtete, was das beliebteste Mädchen machte – Glitzerhaarspangen tragen, sich für Pferde interessieren – und tat dasselbe, obwohl sie sich gar nicht dafür interessierte.“

Dieses „soziale Tarnen“ kann kurzfristig helfen, führt langfristig aber oft zu Erschöpfung, Depressionen oder einem sogenannten autistischen Burn-out. Die Expertin warnt: „Maskieren ist eine Überlebensstrategie, aber keine Lösung. Es verdeckt die eigenen Bedürfnisse.“

Neurodiversität statt Defizitblick
Ein zentraler Paradigmenwechsel betrifft die Sichtweise auf Autismus selbst. Statt von einer Störung zu sprechen, betonen Forscher heute das Konzept der Neurodiversität – die Vielfalt menschlicher Gehirnentwicklung. „Neurodivergente Menschen – etwa Autisten oder Personen mit ADHS – verarbeiten Informationen anders. Das ist Teil ihrer Identität, keine Krankheit“, so Hippler.

Falsche Schuldzuweisungen und wissenschaftliche Fakten
Für Aufsehen sorgte jüngst eine Äußerung des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, der das Schmerzmittel Paracetamol (Tylenol) in der Schwangerschaft mit einer angeblichen „Autismus-Epidemie“ in Verbindung brachte. Fachbehörden wie die Europäische Arzneimittelagentur und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte widersprachen entschieden: Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg für einen Zusammenhang.

„Autismus ist multifaktoriell und genetisch bedingt“, betont Hippler. „Solche simplen Erklärungen sind gefährlich, weil sie Angst verbreiten und von den tatsächlichen Ursachen ablenken.“

Das Aye-aye als Symbol
In ihrem Buch „Meine Entdeckungsreise durch das Autismus-Spektrum“ verwendet Hippler das Aye-aye, einen seltenen Lemuren aus Madagaskar, als Metapher: „Es hat außergewöhnliche Fähigkeiten, die auf den ersten Blick fremd wirken – aber wenn man sie versteht, erkennt man ihre Schönheit und Funktion.“ Genauso gehe es bei autistischen Menschen darum, Andersartigkeit zu verstehen und wertzuschätzen.

Missverständnisse und doppelte Empathie
Kommunikationsprobleme entstehen häufig durch das, was Experten „doppelte Empathie“ nennen: Beide Seiten – autistische und neurotypische Menschen – interpretieren Gefühle und Signale unterschiedlich. „Viele Autisten drücken Emotionen sprachlich aus, aber ohne die nonverbalen Zeichen, die andere erwarten“, erklärt Hippler. Das führe oft zu Missverständnissen.

Ein 16-jähriger Patient formulierte es treffend: „Wenn die Mehrheit der Menschen autistisch wäre, müssten die anderen in Therapie, um ihr komisches Sozialverhalten zu lernen.“

Fazit:
Die steigende Zahl an Diagnosen zeigt nicht, dass Autismus häufiger wird – sondern dass unsere Gesellschaft genauer hinsieht. Das neue Verständnis von Neurodiversität ermöglicht Betroffenen, ihre Stärken zu erkennen und authentischer zu leben – ohne sich ständig anpassen zu müssen.

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