Kaum ein Tier polarisiert in Deutschland so stark wie der Biber. Einst fast ausgerottet, gilt er heute als Symbol erfolgreicher Artenschutzpolitik – und gleichzeitig als Verursacher wachsender Nutzungskonflikte. In Mecklenburg-Vorpommern leben inzwischen rund 4.500 Tiere, fast die Hälfte davon im Landkreis Vorpommern-Greifswald.
Was Naturschützer als Erfolg feiern, bereitet Landwirten und Wasserverbänden zunehmend Sorgen.
Vom gejagten Felllieferanten zum geschützten Baumeister
Noch vor 100 Jahren war der Biber in Europa nahezu verschwunden – gejagt wegen seines Fells, Fleisches und des begehrten Duftsekrets Bibergeil, das als Heilmittel und Aphrodisiakum galt. Erst durch gezielte Wiederansiedlungsprogramme, wie 1975 an der Peene zwischen Jarmen und Gützkow, konnte sich die Art wieder etablieren. Heute profitieren viele Ökosysteme von seiner Rückkehr.
Ein Landschaftsarchitekt im Dienst des Klimas
Biber gelten als natürliche Klimaschützer. Mit ihren Dämmen speichern sie Wasser, verlangsamen Hochwasser und schaffen Feuchtgebiete, die Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten bieten. Ihre Eingriffe fördern die Bildung natürlicher Auwälder und verbessern durch das Zurückhalten von Schwebstoffen die Wasserqualität.
Der Naturschützer Maximilian Stinnes von Rewilding Oder Delta betont: „Die positiven Effekte zeigen sich oft erst langfristig – sie sind weniger sichtbar, aber ökologisch enorm wertvoll.“
Doch während sich die Natur erholt, wächst die Unzufriedenheit bei den Betroffenen vor Ort.
Kosten steigen – und Konflikte mit der Landwirtschaft verschärfen sich
Immer mehr Wasser- und Bodenverbände melden Probleme. Waren es 2010 nur 5 von 27 Verbänden, berichteten 2024 bereits 22 von erheblichen Mehrausgaben durch Biberschäden – insgesamt rund 835.000 Euro, Tendenz steigend.
Besonders betroffen sind Entwässerungsgräben entlang der Peene und des Landgrabens bei Friedland. Dort verursachen die Tiere rund 80 Prozent der Schäden. Für Landwirte bedeutet das überflutete Ackerflächen, gefällte Obstbäume und Fraßschäden an Feldfrüchten. Eine Biberfamilie kann in einem Sommer mehrere Hundert Kilo Korn fressen – und das meist in unmittelbarer Ufernähe.
Zwischen Schutz und Praxis: Streit um Randstreifen
Naturschützer fordern daher breitere Ufersäume, um Konflikte zu entschärfen. Diese Zonen würden verhindern, dass Felder bis ans Wasser reichen, und zugleich Nährstoffeinträge in Gewässer reduzieren. Zudem könnten sie als ökologische Pufferzonen und Hochwasserrückhalteflächen dienen.
Doch die Landwirtschaft sieht das kritisch. Anne Vaegler vom Bauernverband Ostvorpommern warnt: „Randstreifen bedeuten unbewirtschaftete Fläche – und gerade kleine Betriebe kämpfen um jeden Quadratmeter.“ Viele Landwirte fühlen sich durch wachsende Naturschutzauflagen ohnehin stark eingeschränkt.
Neue Ansätze gefragt
Trotz gesetzlichem Schutz des Bibers zeigen die bisherigen Strategien kaum Wirkung: Weder Entschädigungsprogramme noch Umsiedlungen konnten die Konflikte nachhaltig lösen.
Fachleute fordern daher flexiblere Regelungen, etwa regionale Ausgleichssysteme oder gezielte Managementpläne, die ökologische Vorteile und wirtschaftliche Belastungen besser in Einklang bringen.
Fazit
Der Biber ist ein Paradebeispiel für erfolgreichen Artenschutz – und zugleich ein Prüfstein für den Umgang mit Zielkonflikten zwischen Naturschutz und Landwirtschaft.
Seine Rückkehr zeigt, wie dynamisch sich Natur entwickeln kann, wenn man sie lässt. Doch ohne neue Lösungsansätze droht der „Nachbar Biber“ zum Dauerstreitpunkt auf dem Land zu werden.