Kolumbien schlägt ein symbolträchtiges neues Kapitel im Umgang mit seiner gewaltvollen Vergangenheit auf: Ein Teil des ehemaligen Anwesens des berüchtigten Drogenbarons Pablo Escobar, die sogenannte Hacienda Napoles, wird künftig Opfern des jahrzehntelangen Bürgerkriegs zur Verfügung gestellt – konkret: einer Frauenorganisation.
Wie Präsident Gustavo Petro mitteilte, sollen Frauen, die unter dem bewaffneten Konflikt in Kolumbien gelitten haben, künftig auf einem Teil des früheren Escobar-Geländes Agrarprojekte umsetzen und Wohnraum schaffen.
Der Präsident erklärte die Maßnahme zu einem Schritt der „sozialen Wiedergutmachung“ – insbesondere gegenüber Frauen, die durch den Bürgerkrieg entrechtet, vertrieben oder traumatisiert wurden.
120 Hektar für neues Leben auf historischem Boden
Die nationale Landbehörde ANT (Agencia Nacional de Tierras) übergab bereits 120 Hektar der insgesamt rund 3.000 Hektar großen Hacienda Napoles an eine organisierte Frauengruppe. Der Direktor der Behörde, Felipe Harman, kündigte an, dass die Fläche für landwirtschaftliche Zwecke und den Bau von Wohnhäusern genutzt werden soll.
Die Übergabe markiert einen bedeutenden Schritt in der seit Jahren laufenden Landreform Kolumbiens, mit der Präsident Petro insbesondere benachteiligten Bevölkerungsgruppen Zugang zu Boden und wirtschaftlicher Selbstständigkeit ermöglichen will.
Vom Narco-Zoo zur Stätte der Hoffnung
Die Hacienda Napoles steht wie kaum ein anderer Ort für die Exzesse und den Größenwahn Pablo Escobars. In den 1980er Jahren hatte der Drogenboss dort einen Privat-Zoo mit Nilpferden, Elefanten, Giraffen und exotischen Vögeln errichten lassen. Nach seinem Tod 1993 wurde das Anwesen vom Staat beschlagnahmt und später teilweise in einen Vergnügungspark umgewandelt.
Die mittlerweile verwilderten Nilpferde, die sich seither unkontrolliert vermehrt haben, sind bis heute eine biologische und politische Herausforderung.
Die neue Nutzung des Landes als Agrarfläche durch Opfer des Konflikts ist daher nicht nur wirtschaftlich relevant, sondern auch ein starkes politisches und gesellschaftliches Signal: Der Boden eines der berüchtigtsten Verbrecher Lateinamerikas wird zum Ort des Wiederaufbaus, der Gerechtigkeit und der weiblichen Selbstermächtigung.
Präsident Petro treibt historische Landreform voran
Die Entscheidung steht im Kontext der groß angelegten Landreform, die Präsident Petro – der erste linksgerichtete Präsident Kolumbiens – seit seinem Amtsantritt 2022 verfolgt. Ziel ist es, Millionen Hektar Land neu zu verteilen, um strukturelle Ungleichheiten zu bekämpfen, die als Hauptursache für Armut und Gewalt gelten.
Insbesondere indigene Gruppen, Kleinbäuerinnen und vom Konflikt betroffene Frauen sollen vom Zugang zu Land profitieren. „Es ist Zeit, die Geschichte umzuschreiben – mit Gerechtigkeit, nicht mit Gewalt“, so Petro bei der Bekanntgabe des Projekts.