Interviewer: Frau Bontschev, die österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA) hat soeben ihren Bericht zum Asset Management im ersten Quartal 2025 veröffentlicht. Trotz Nettozuflüssen sind die Gesamtvermögen der Investmentfonds gesunken. Wie ist das aus Anlegersicht zu bewerten?
RAin Bontschev: Das zeigt ein typisches Spannungsfeld: Einerseits fließt weiterhin frisches Kapital in Fonds – rund 624 Millionen Euro netto allein in den ersten drei Monaten. Andererseits sind die Kapitalmärkte nach wie vor volatil, was zu Buchwertverlusten führt. Das bedeutet: Auch wenn Anleger investiert haben, wurden Teile des Vermögens durch Kursrückgänge am Markt real abgewertet. Besonders betroffen waren Misch- und Aktienfonds – trotz aller ESG-Trends also keine Gewinngarantie.
Interviewer: Auffällig ist: Mischfonds verlieren massiv – trotz ihres Rufes als „Allrounder“. Woran liegt das?
RAin Bontschev: Mischfonds galten lange als solide Standardprodukte, da sie Aktien- und Rentenanteile kombinieren. Doch die Märkte haben sich verändert: Zinserhöhungen belasten Rentenanlagen, und gleichzeitig sind Aktienmärkte anfällig für geopolitische und konjunkturelle Schocks. Viele Anlegerinnen und Anleger suchen gezielter nach klaren Strategien – sei es Aktien- oder Rentenfokus – statt eines „alles-in-einem“-Ansatzes.
Interviewer: Die ESG-Regulierung scheint nun ernst gemacht zu haben. Was hat sich konkret geändert?
RAin Bontschev: Mit der neuen ESMA-Leitlinie vom 21. Mai 2025 wurde ein Meilenstein gesetzt: Fonds, die ESG oder Nachhaltigkeit im Namen führen, müssen nun zu mindestens 80 % des verwalteten Vermögens tatsächlich ESG-konform investieren. Das betrifft auch konkrete Ausschlüsse, etwa in Bezug auf fossile Energie oder kontroverse Waffen. Das Ziel ist klar: Greenwashing soll verhindert werden. Fondsanbieter, die diese Vorgaben nicht erfüllen können oder wollen, müssen den ESG-Bezug im Namen streichen – oder den Fonds schließen.
Interviewer: Welche Folgen hatte das für den österreichischen Fondsmarkt?
RAin Bontschev: Von den 239 betroffenen Fonds haben 186 ihre Bestimmungen angepasst, um die ESG-Vorgaben zu erfüllen. Das ist durchaus ein starkes Signal. Aber: 53 Fonds mit einem Volumen von über 5,4 Milliarden Euro haben entweder ihren ESG-Bezug aufgegeben oder den Fonds ganz eingestellt. Das zeigt: Die Anforderungen sind anspruchsvoll – nicht jeder Fonds konnte oder wollte sie umsetzen.
Interviewer: Was bedeutet das alles nun für Anlegerinnen und Anleger?
RAin Bontschev: Wer nachhaltig investieren will, kann sich nun besser auf die ESG-Versprechen verlassen – sie sind verbindlicher und prüfbarer geworden. Gleichzeitig sollten Anleger sich bewusst machen, dass ESG nicht gleich Performance bedeutet. Und dass Märkte schwanken – auch bei nachhaltigen Fonds. Transparenz und Regulierung sind wichtig, ersetzen aber nicht kritisches Hinterfragen und langfristiges Denken beim Investieren.