Die Lage auf Sylt spitzt sich zu: 93 Schafe, vor allem Lämmer, sind binnen weniger Tage gerissen worden – offenbar von einem Goldschakal, der sich seit Ende Mai auf der Insel aufhält. Jetzt soll das Tier abgeschossen werden. Eine entsprechende Allgemeinverfügung für eine Ausnahmegenehmigung wird laut dem schleswig-holsteinischen Umweltministerium derzeit vorbereitet.
Die betroffenen Schäfer, darunter Daniela Andersen, berichten von erheblichen Verlusten und täglichen Sorgen um ihre Herden. In drei Nächten verlor Andersen 78 Lämmer und zwei Mutterschafe – trotz Versuchen, das Tier zu vertreiben. Ihr Mann konnte den Goldschakal sogar direkt sichten. Die Schäden für den Betrieb belaufen sich auf etwa 15.000 Euro.
Zäune stellten bisher keine wirksame Barriere dar: Das Tier überwinde sie problemlos, heißt es. Und da die Tiere für den Küstenschutz im Deichbereich frei laufen müssen, sei eine komplette Einzäunung ohnehin kaum umsetzbar.
Breite Unterstützung für Abschuss
Ungewöhnlich deutlich ist der politische und gesellschaftliche Rückhalt für den geplanten Abschuss:
- Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) betonte, der Schutz der Schafherden und damit auch der Küstenschutz habe Priorität.
- Auch Tierschutzverbände wie NABU und BUND Schleswig-Holstein sowie die Naturschutzgemeinschaft Sylt e.V. unterstützen den Schritt – ausnahmsweise.
- Ziel sei es, „weiteres Tierleid zu vermeiden“ und die wirtschaftlich und ökologisch wichtige Deichschäferei zu sichern.
Abschuss schwierig – Betäubung kaum realistisch
Einfach wird die Entnahme des Tieres jedoch nicht. Laut stellv. Kreisjägermeister Manfred Ueckermann ist der Goldschakal extrem vorsichtig, nachtaktiv und hält sich im Schilf verborgen. Eine Betäubung sei nahezu ausgeschlossen, da man dem Tier dazu auf wenige Meter nahekommen müsste – was in freier Natur kaum möglich sei.
Auch der Abschuss gestalte sich schwierig: „Der Goldschakal hat bessere Riechorgane als ein Hund“, sagt Ueckermann, der auch im Landtag für die CDU sitzt. Es sei daher unklar, wie schnell das Tier überhaupt gefunden und entnommen werden könne – selbst wenn die Genehmigung bald vorliegt.
Goldschakal in Deutschland: Noch selten, aber zunehmend präsent
Der Goldschakal breitet sich in Europa aus, auch in Deutschland:
- Erstmals wurde er 1997 in Brandenburg nachgewiesen.
- In Schleswig-Holstein erfolgte der erste Nachweis 2017 in Dithmarschen.
- Bis Mai 2025 gab es acht Nachweise im Land, zwei davon nach bestätigten Rissen an Nutztieren.
Der Schakal gehört zu den geschützten Arten, weshalb sein Abschuss nur mit behördlicher Ausnahmegenehmigung möglich ist – ähnlich wie beim Wolf.
Kommt eine Entschädigung für die Schäfer?
Immerhin gibt es für Schäferin Andersen eine positive Nachricht: Umweltminister Goldschmidt kündigte an, dass der entstandene Schaden analog zur Wolfsregelung entschädigt werden soll. Eine schnelle Entlastung sei das zwar nicht, aber ein wichtiger Schritt zur Anerkennung der wirtschaftlichen Folgen.
Wie kam der Goldschakal nach Sylt?
Die Frage, wie das Tier überhaupt auf die Insel gelangte, ist noch ungeklärt. Eine mögliche Theorie: Der Goldschakal könnte über den Hindenburgdamm auf die Insel gelangt sein. Eine Nutzerin im Radio regte daher einen Schutzzaun am Damm an, um ähnliche Fälle in Zukunft zu verhindern.
Fazit
Die Situation auf Sylt zeigt, wie komplex das Spannungsfeld zwischen Artenschutz, landwirtschaftlicher Praxis und regionaler Ökologie sein kann. Der Fall des Goldschakals wird damit nicht nur auf der Insel, sondern wohl auch bundesweit zum Präzedenzfall für den Umgang mit Rückkehrern in die heimische Wildtierlandschaft.