Treppenhäuser sind Zwischenräume – weder ganz privat, noch wirklich öffentlich. In vielen Berliner Wohnhäusern sorgen genau diese Zwischenräume zunehmend für Spannungen: Obdachlose, Drogenabhängige oder psychisch auffällige Personen nutzen sie als Schutzräume – zum Schlafen, Drogenkonsum oder einfach als Rückzugsort. Für Anwohner wird das zur Belastungsprobe.
Konflikte in der Großstadt-Treppenhausrealität
Paula Granoux lebt seit zwölf Jahren in einem Mehrfamilienhaus an der Hermannstraße in Neukölln. Doch in letzter Zeit fühlt sie sich in ihrem Haus nicht mehr sicher: Immer wieder wird die Haustür aufgebrochen, Obdachlose schlafen im Treppenhaus, hinterlassen Müll, Urin, Fäkalien und Spritzenreste. Granoux dokumentiert das mit Fotos. Ihre Frustration ist groß – auch weil Reparaturen an der Haustür oft nur kurzfristig helfen.
Ein Sprecher des Berliner Mieterschutzbundes erklärt, dass Vermieter verpflichtet sind, den Zugang zum Haus sicher zu halten. Ein neues Türschloss koste jedoch schnell mehrere Tausend Euro – eine Investition, die viele Vermieter scheuen. Bewohner sollten in solchen Fällen regelmäßig Beschwerde bei der Hausverwaltung oder der Wohnungsbaugesellschaft einreichen.
Mehr Obdachlose – und Verdrängung aus dem öffentlichen Raum
Andreas Abel, Straßensozialarbeiter bei Gangway, beobachtet, dass immer mehr obdachlose Menschen in Treppenhäusern Zuflucht suchen. Gründe dafür: Zum einen gibt es schlicht mehr Obdachlose in Berlin, zum anderen würden sie aus dem öffentlichen Raum verdrängt – etwa durch Sicherheitsdienste in Bahnhöfen oder Einkaufszentren.
„Viele suchen in Treppenhäusern Schutz vor Hitze, Kälte oder Übergriffen“, sagt Barbara Breuer von der Berliner Stadtmission. Sie betont, dass das Verhalten der betroffenen Personen entscheidend sei: Ruhe und Ordnung im Haus sollten erhalten bleiben, dennoch brauche es respektvolle Kommunikation. Wo nötig, könne man auch auf Hilfsangebote in der Nähe hinweisen.
Wenn es nicht um Obdachlosigkeit geht: psychisch auffällige Nachbarn
Nicht nur fremde Personen im Treppenhaus sorgen für Unbehagen. Auch verhaltensauffällige Nachbarn können belastend sein – etwa durch nächtliches Schreien, Misstrauen gegenüber Mitbewohnern oder auffälliges Verhalten. Thore Würger vom Berliner Krisendienst kennt solche Fälle aus der Beratung: Viele Anrufer klagen über psychisch kranke Nachbarn – oft sei die Lage aber nicht gefährlich, sondern eher belastend.
Würger betont: Psychisch krank zu sein, ist kein Gesetzesverstoß. Gleichzeitig dürfen sich Nachbarn schutzbedürftig fühlen. Der Krisendienst biete hier Unterstützung und Orientierung, wie man mit solchen Situationen umgehen kann.
Fazit: Stadtleben zwischen Toleranz, Sicherheit und Verantwortung
Treppenhäuser sind mehr als nur Durchgangsräume – sie spiegeln soziale Spannungen in einer Großstadt wie Berlin wider. Wenn sich der öffentliche Raum verengt, werden halböffentliche Orte zum Rückzugsort für Menschen, die durchs Raster gefallen sind. Damit gehen Konflikte, Unsicherheiten und Verantwortungsfragen einher – zwischen Mietern, Eigentümern, Hilfseinrichtungen und der Politik.