In Island entsteht gerade eine neue Dimension der Aquakultur: Mehrere Unternehmen investieren in landgestützte Zuchtanlagen für Lachs – mit dem Ziel, künftig bis zu 200.000 Tonnen Zuchtlachs pro Jahr an Land zu produzieren. Zum Vergleich: Derzeit liegt die Gesamtproduktion in Island bei etwa 50.000 Tonnen, größtenteils aus Meereskäfigen. Nun könnte sich das Zuchtmodell grundlegend verändern.
Rekordinvestition in Þorlákshöfn
An der Spitze dieser Entwicklung steht das Unternehmen First Water, das in Þorlákshöfn (Gemeinde Ölfus) eine gigantische Landfarm für Lachs errichtet. Das Projekt gilt als größte private Investition in der isländischen Geschichte – mit einem Volumen von rund 120 Milliarden isländischen Kronen (umgerechnet über 800 Millionen Euro).
Erste Erfolge gibt es bereits: 2023 wurde der erste Landlachs geschlachtet, bisher wurden rund 2.000 Tonnen produziert.
Unterstützung durch starke Investoren
Hinter First Water stehen einflussreiche Geldgeber – unter anderem die Investmentgesellschaft Stodir, die auch Anteile an großen isländischen Unternehmen wie Síminn (Telekommunikation) oder der Arion Bank hält. Die Investoren setzen gezielt auf landgestützte Fischzucht als Alternative zur umstrittenen Meereskäfighaltung.
Behörden sehen ehrgeizige, aber vielversprechende Pläne
Karl Steinar Óskarsson, Leiter der Aquakulturabteilung bei der isländischen Lebensmittel- und Veterinärbehörde, sieht in der Entwicklung großes Potenzial:
„Wir halten die Pläne für ehrgeizig. Aber sie sehen gut aus.“
Aktuell sind im Großraum Þorlákshöfn drei Landzuchtanlagen in unterschiedlichen Bauphasen. Island, das bisher nur begrenzte Erfahrung mit dieser Form der Fischzucht hatte, orientiert sich unter anderem am Vorreiterland Norwegen.
Wenig Kritik trotz Rekordvolumen
Während die Meereskäfigzucht in Island seit Jahren in der Kritik steht – vor allem wegen ihrer Auswirkungen auf Wildlachse, Meeresboden und Wasserqualität – ist die öffentliche Diskussion um die Landzucht überraschend leise.
Ein Grund: Landgestützte Anlagen gelten als umweltfreundlichere Alternative, da die Kontrolle über Wasserqualität, Abfall und Krankheiten einfacher ist. Ein Bericht der isländischen Behörden aus 2023 beschreibt die Landzucht ausdrücklich als Lösungsansatz für die ökologischen Herausforderungen der Meereszucht.
Norwegen warnt: Auch Landzucht birgt Umweltprobleme
Doch ein aktueller Bericht aus Norwegen zeigt, dass auch die Landzucht nicht frei von Risiken ist: Die norwegische Umweltbehörde stellte fest, dass 88 % der befragten Unternehmen gegen Umweltauflagen verstoßen. Hauptprobleme sind Verschmutzung durch Nährstoffe, Schlammablagerungen auf dem Meeresboden und Sauerstoffmangel in angrenzenden Gewässern.
Hilde Singsaas, Direktorin der Behörde, warnt:
„Wenn große Mengen an Nährstoffen und Futterresten ins Meer gelangen, kann das schwerwiegende Folgen haben. Diese Entwicklung muss genau überwacht werden.“
Können isländische Behörden Schritt halten?
Angesichts des rasanten Wachstums stellt sich auch in Island die Frage: Sind die staatlichen Kontrollstellen auf diese Dimension vorbereitet?
Sigríður Kristinsdóttir, Teamleiterin der nationalen Energie- und Umweltbehörde, gibt sich vorsichtig optimistisch:
„Im Moment haben wir die Lage gut im Griff. Aber bei starkem Wachstum wird mehr Überwachung nötig sein. Wie das konkret gelöst wird, muss die Politik entscheiden.“
Fazit:
Island investiert massiv in die Aquakultur an Land – mit ambitionierten Zielen und wachsendem internationalen Interesse. Während die ökologische Diskussion noch zurückhaltend ist, zeigen die Erfahrungen aus Norwegen: Auch Landzucht ist kein Selbstläufer. Ob Island die Balance zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Umweltschutz halten kann, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.