Trotz milliardenschwerer Öl-Einnahmen gerät Saudi-Arabien finanziell zunehmend unter Druck. Sowohl der staatliche Ölkonzern Aramco als auch der saudische Staat selbst müssen sich immer stärker verschulden, um Dividenden, Infrastruktur und prestigeträchtige Zukunftsprojekte wie die Megastadt Neom zu finanzieren. Grund ist der seit Monaten anhaltende Verfall des Ölpreises – ein Risiko für die gesamte saudische Wirtschaftsstrategie.
Aramco schüttet Milliarden aus – auf Pump
Der weltweit größte Ölkonzern Saudi Aramco hat im ersten Quartal 2025 zwar rund 21,4 Milliarden US-Dollar an Dividenden ausgezahlt, musste diese jedoch erstmals seit Jahren um ein Drittel kürzen. Die Erträge reichen längst nicht mehr aus, um die hohen Ausschüttungen zu finanzieren. Allein in Q1 2025 stieg die Nettoverschuldung Aramcos um 18 % auf 24,6 Milliarden Dollar – Tendenz steigend.
Dabei hängen die saudischen Staatsfinanzen eng an Aramco: 97,6 % der Anteile hält das Königreich direkt oder über den Staatsfonds PIF. Die hohen Dividenden fließen also primär an den saudischen Staat – und sind damit ein zentraler Pfeiler für Sozialleistungen, Beamtengehälter und Investitionen.
Staatshaushalt unter Druck: 93 Dollar nötig – 63 Dollar Realität
Laut Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) bräuchte Saudi-Arabien einen durchschnittlichen Ölpreis von 93 US-Dollar pro Barrel, um einen ausgeglichenen Haushalt zu erzielen. Tatsächlich liegt der Ölpreis derzeit bei nur 63 Dollar – und damit 30 Dollar unter der Zielmarke.
Ein weiteres Problem: Die Ölpreise dürften mittelfristig nicht steigen. Zwar hat eine vorübergehende Zollpause zwischen den USA und China neuen Handelsoptimismus geweckt, doch geopolitische Spannungen, eine mögliche Rezession in wichtigen Volkswirtschaften und der interne Streit in der OPEC belasten den Markt. Ironischerweise trägt Riad selbst dazu bei: Durch Produktionsausweitungen will das Königreich unkooperative Mitgliedsstaaten wie den Irak oder Kasachstan disziplinieren – mit dem Nebeneffekt fallender Preise.
Großprojekte verschlingen Milliarden – ohne Rendite
Parallel dazu investiert Riad gewaltige Summen in den Umbau seiner Wirtschaft. Unter der Vision „Saudi Vision 2030“ entstehen teure Projekte wie die E-Metropole Neom, der Kauf von Fußballvereinen wie Newcastle United, Sponsoring im Formel-1-Zirkus und Rekordverträge für Sportstars wie Cristiano Ronaldo. Auch ein geplanter Einstieg in die Gaming-Branche kostet Milliarden.
Diese Ausgaben zielen auf Imagegewinn und internationale Sichtbarkeit – nicht auf direkte Einnahmen. Besonders die futuristische Stadt The Line, Herzstück von Neom, sorgt zunehmend für Kritik. Baukosten explodieren, Pläne müssen gestoppt oder gestreckt werden. Laut saudischem Finanzministerium sei mit einer Fertigstellung in den nächsten 50 Jahren zu rechnen – die Zwischenfinanzierung ist ungesichert.
Rekordschulden: Saudi-Arabien greift zu Anleihen
Um die Löcher zu stopfen, begibt Saudi-Arabien immer neue Staatsanleihen. Allein im ersten Quartal 2025 lieh sich das Königreich 15 Milliarden US-Dollar – mehr als jemals zuvor in einem Dreimonatszeitraum. Laut einer Analyse der US-Bank Goldman Sachs dürfte das saudische Haushaltsdefizit bis Ende des Jahres auf 70 Milliarden Dollar anwachsen. Noch Ende 2024 hatte das Finanzministerium mit einem Minus von 27 Milliarden Dollar kalkuliert.
Fazit: Das goldene Zeitalter ist teuer erkauft
Saudi-Arabiens ambitionierter Weg in die Post-Öl-Ära ist teuer, riskant – und zunehmend kreditfinanziert. Ohne deutlich steigende Ölpreise droht der Spagat zwischen Prestige, Investitionen und Stabilität zu scheitern. Die wachsenden Schulden bei Aramco und im Staatshaushalt zeigen: Das Reich am Golf braucht entweder höhere Rohölpreise oder eine wirtschaftspolitische Kurskorrektur.