Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt gerät zunehmend unter Druck. Trotz zahlreicher Konjunkturimpulse und staatlicher Maßnahmen zur Ankurbelung des Binnenkonsums sinken die Verbraucherpreise in China weiter – ein klares Zeichen, dass die wirtschaftliche Erholung nicht recht in Gang kommen will.
Wie das Statistikamt in Peking am Freitag mitteilte, fiel der Verbraucherpreisindex (VPI) im April im Vergleich zum Vorjahresmonat um 0,1 Prozent. Damit liegt die sogenannte Inflationsrate exakt im Rahmen der Erwartungen von Analysten, die bereits mit einer schwachen Preisentwicklung gerechnet hatten.
Während weite Teile der Welt in den vergangenen zwei Jahren mit teils zweistelligen Inflationsraten zu kämpfen hatten, zeigt sich in China das gegenteilige Phänomen: Deflation – ein anhaltender Preisverfall – dominiert das Bild. Seit Monaten verharren die Verbraucherpreise auf niedrigem Niveau oder geben sogar weiter nach. Ein Trend, der Verbraucher kurzfristig zwar freut, für die Wirtschaft aber ein Warnsignal ist.
Deflation als Risiko für die Wirtschaft
Denn Deflation kann tückisch sein: Sinkende Preise verleiten Verbraucher dazu, größere Anschaffungen aufzuschieben – in der Hoffnung auf noch günstigere Angebote. Unternehmen wiederum geraten unter Druck, ihre Produkte billiger anzubieten, was auf Dauer zu niedrigeren Gewinnen, Investitionszurückhaltung und Stellenabbau führen kann. Ein solcher Abwärtssog bremst Wachstum und lähmt die wirtschaftliche Dynamik.
Bereits seit Monaten versucht die chinesische Regierung gegenzusteuern – etwa durch Lockerungen bei Krediten, Investitionen in Infrastruktur und Konsumanreize. Doch bislang verpufft der Effekt dieser Maßnahmen weitgehend. Die Unsicherheit auf dem Immobilienmarkt, geopolitische Spannungen und eine verhaltene Konsumlaune wirken wie Bremsklötze auf die ökonomische Erholung.
Eine stille Krise?
Im Gegensatz zu den dramatisch wirkenden Inflationswellen in Europa oder den USA spielt sich Chinas Preisproblem leise ab – doch gerade diese Stille macht Ökonomen nervös. Denn eine längere Phase schwacher Preisentwicklung kann nicht nur auf das Vertrauen in die Wirtschaft drücken, sondern auch internationale Auswirkungen haben: etwa durch sinkende Exportpreise, Währungsdruck und globalen Wettbewerbsverzerrungen.
Ob Peking mit weiteren Stützungsmaßnahmen reagieren wird, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch: Die strukturellen Herausforderungen Chinas – vom demografischen Wandel bis hin zur stagnierenden Binnennachfrage – lassen sich nicht allein mit kurzfristigen Impulsen lösen.
Die nächsten Monate dürften zeigen, ob das Reich der Mitte eine neue Wachstumsstory schreiben kann – oder ob sich der schleichende Preisverfall zu einem größeren Problem auswächst.