Beim Windpark Appel Grauen GmbH & Co. KG fällt im Jahresabschluss 2025 eine ungewöhnlich deutliche Aussage auf: Die Gesellschaft bezeichnet sich selbst als „bilanziell überschuldet“.
Trotzdem wurde der Jahresabschluss weiterhin unter der Annahme der Unternehmensfortführung aufgestellt.
Die Geschäftsleitung hält Liquidität und Fortführung nach eigenen Angaben für überwiegend wahrscheinlich und gesichert. Begründet wird dies damit, dass die bilanzielle Überschuldung als vorübergehender, durch den Projektverlauf verursachter Effekt betrachtet werde. Außerdem soll die Gesellschaft von ihren Gesellschaftern weiterhin finanziell unterstützt werden.
Die Bilanz zeigt allerdings, warum diese Erläuterung notwendig ist: Ende 2025 stehen lediglich rund 3.661 Euro Bankguthaben in den Büchern, während die Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen auf rund 667.417 Euro gestiegen sind.
Gleichzeitig befindet sich das eigentliche Projekt offenbar noch in einer frühen Investitionsphase. Das gesamte ausgewiesene Sachanlagevermögen besteht bislang aus geleisteten Anzahlungen und Anlagen im Bau.
Verlustvortrag steigt auf mehr als 421.000 Euro
Besonders auffällig ist die Entwicklung der Kapitalkonten.
Das Kommanditkapital beträgt lediglich 10.000 Euro und ist nach Angaben der Gesellschaft vollständig eingezahlt.
Dem steht zum Jahresende 2025 ein Verlustvortrag von 421.289,61 Euro gegenüber.
Im Vorjahr waren es 356.856,62 Euro.
Nach Verrechnung mit dem Kapitalkonto ergibt sich ein negativer Saldo von 411.289,61 Euro.
Dieser Betrag wird in der Bilanz als „nicht durch Vermögenseinlagen gedeckter Verlustanteil von Kommanditisten“ ausgewiesen. Im Vorjahr waren es noch 346.856,62 Euro.
Der nicht gedeckte Verlustanteil hat sich damit innerhalb eines Jahres um rund 64.433 Euro beziehungsweise 18,6 Prozent erhöht.
Bilanzielle Überschuldung – aber Fortführung angenommen
Die Gesellschaft spricht im Anhang selbst von einer bilanziellen Überschuldung.
Dieser Begriff muss allerdings sorgfältig eingeordnet werden.
Eine negative bilanzielle Eigenkapitalposition ist nicht automatisch gleichbedeutend mit einer insolvenzrechtlichen Überschuldung. Ebenso lässt sich daraus allein keine Zahlungsunfähigkeit oder Insolvenzantragspflicht ableiten.
Der Jahresabschluss macht vielmehr ausdrücklich deutlich, dass die Geschäftsleitung weiterhin von einer Fortführung des Unternehmens ausgeht.
Sie betrachtet die bilanzielle Situation als temporären Effekt des Projektverlaufs.
Hinzu kommt eine weitere wesentliche Aussage: Die Gesellschaft soll nach Angaben des Anhangs von den Gesellschaftern weiter finanziell unterstützt werden.
Wie hoch diese Unterstützung künftig ausfallen soll und auf welcher konkreten vertraglichen Grundlage sie erfolgt, lässt sich den vorliegenden Angaben allerdings nicht entnehmen.
Nur 3.661 Euro auf dem Bankkonto
Die Liquiditätsposition wirkt auf den ersten Blick ausgesprochen knapp.
Zum 31. Dezember 2025 weist die Gesellschaft lediglich 3.660,75 Euro Guthaben bei Kreditinstituten aus.
Ein Jahr zuvor waren es noch 15.252,13 Euro.
Das Bankguthaben ist damit um rund 11.591 Euro beziehungsweise 76 Prozent gesunken.
Zusätzlich bestehen sonstige Vermögensgegenstände von 11.582,02 Euro, nach lediglich 1.791,95 Euro im Vorjahr.
Bankguthaben und sonstige Vermögensgegenstände summieren sich damit auf rund 15.243 Euro.
Auch hier ist allerdings der Projektstatus entscheidend: Die Gesellschaft verfügt bislang nicht über einen bilanzierten fertigen Windpark mit hohen technischen Anlagenwerten.
Windpark offenbar noch im Aufbau
Das Sachanlagevermögen besteht vollständig aus geleisteten Anzahlungen und Anlagen im Bau.
Der Buchwert dieser Position stieg von 129.060,86 Euro auf 244.038,56 Euro.
Im Laufe des Jahres kamen weitere 114.977,70 Euro hinzu. Abgänge oder Abschreibungen wurden nicht ausgewiesen.
Das ist ein wichtiger Hinweis für die Interpretation des Abschlusses.
Die Bilanz zeigt keine bereits fertiggestellten und in Betrieb befindlichen Windenergieanlagen. Ausgewiesen werden vielmehr Anzahlungen und Anlagen im Bau.
Dass das Projekt tatsächlich bereits Strom produziert oder operative Umsätze erzielt, lässt sich aus den vorliegenden Bilanzangaben deshalb nicht ableiten.
Auch der genaue Bau- beziehungsweise Entwicklungsstand des Windparks wird in den hier vorliegenden Angaben nicht beschrieben.
Bilanzsumme steigt deutlich
Die Bilanzsumme erhöhte sich von 492.961,56 Euro auf 670.570,94 Euro.
Das entspricht einem Anstieg um rund 177.609 Euro beziehungsweise 36 Prozent.
Dahinter stehen auf der Aktivseite insbesondere zwei Entwicklungen:
Die Anlagen im Bau beziehungsweise geleisteten Anzahlungen stiegen um rund 114.978 Euro.
Gleichzeitig erhöhte sich der nicht durch Vermögenseinlagen gedeckte Verlustanteil der Kommanditisten um rund 64.433 Euro.
Die Bilanz wird damit größer, obwohl das Unternehmen bilanziell weiterhin kein positives Eigenkapital ausweist.
667.000 Euro Verbindlichkeiten innerhalb des Konzerns
Die Finanzierung erfolgt auf der Passivseite fast vollständig über verbundene Unternehmen.
Die entsprechenden Verbindlichkeiten stiegen von 489.782,72 Euro auf 667.417,08 Euro.
Das ist ein Zuwachs um rund 177.634 Euro beziehungsweise 36 Prozent.
Andere Verbindlichkeiten werden in der vorliegenden Bilanz nicht ausgewiesen.
Damit stammen rechnerisch rund 99,5 Prozent der gesamten Passivseite aus Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen; der kleine Rest entfällt auf Rückstellungen.
Das unterstreicht die starke finanzielle Einbindung der Projektgesellschaft in den Unternehmensverbund.
Ein Teil der Konzernfinanzierung läuft länger als fünf Jahre
Interessant ist zudem die Laufzeit der Verbindlichkeiten.
Von den 667.417 Euro gegenüber verbundenen Unternehmen haben 244.000 Euro eine Restlaufzeit von mehr als fünf Jahren.
Im Vorjahr waren es rund 129.100 Euro.
Die übrigen Verbindlichkeiten haben laut Anhang eine Restlaufzeit von höchstens einem Jahr.
Damit hat sich insbesondere der langfristige Teil der konzerninternen Finanzierung deutlich erhöht.
Das passt zu einem Projekt, bei dem weiterhin Investitionen in Anlagen im Bau ausgewiesen werden.
Weitere 190.000 Euro außerhalb der Bilanz
Zusätzlich bestehen finanzielle Verpflichtungen, die nicht als Verbindlichkeiten in der Bilanz stehen.
Die Gesellschaft nennt einen Nutzungsoptionsvertrag gegenüber Dritten über 190.000 Euro.
Diese Summe sollte nicht einfach zu den bilanzierten 667.417 Euro Verbindlichkeiten addiert und als bestehende „Schulden“ dargestellt werden.
Es handelt sich laut Jahresabschluss um eine sonstige wesentliche, nicht in der Bilanz ausgewiesene oder vermerkte finanzielle Verpflichtung.
Haftungsverhältnisse bestanden zum Bilanzstichtag dagegen nicht.
Kaum Rückstellungen
Die sonstigen Rückstellungen bewegen sich auf niedrigem Niveau.
Sie betragen insgesamt rund 3.154 Euro, nach rund 3.179 Euro im Vorjahr.
Davon entfallen etwa 1.800 Euro auf die Erstellung der Steuererklärung, 1.000 Euro auf die prüferische Durchsicht und rund 400 Euro auf einen Aufwandsausgleich.
Größere Rückstellungen für den späteren Rückbau von Windenergieanlagen werden im Abschluss nicht genannt.
Auch das unterscheidet die Gesellschaft von bereits vollständig errichteten und betriebenen Windparkgesellschaften.
Keine eigenen Mitarbeiter
Die Windparkgesellschaft beschäftigt keine eigenen Mitarbeiter.
Die Geschäftsführung liegt bei der WEMAG Wind Energie GmbH in Schwerin. Als Geschäftsführer werden Thorsten Erke und Torsten Hinrichs genannt.
Eine Vergütung für die Geschäftsführung erhält die Komplementärin nach Angaben des Abschlusses nicht.
Gesellschaft gehört zum WEMAG-Konzern
Die Projektgesellschaft wird in den Konzernabschluss der WEMAG AG mit Sitz in Schwerin einbezogen.
WEMAG erstellt laut Jahresabschluss den Konzernabschluss sowohl für den größten als auch den kleinsten Kreis der Unternehmen.
Dieser Konzernbezug ist gerade vor dem Hintergrund der bilanziellen Überschuldung relevant.
Die Gesellschaft erklärt ausdrücklich, dass sie weiterhin finanziell durch ihre Gesellschafter unterstützt werden soll. Zugleich bestehen nahezu sämtliche bilanzierten Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen.
Der Abschluss macht jedoch keine konkrete Aussage dazu, in welchem Umfang oder für welchen Zeitraum zukünftige Finanzierungszusagen bestehen.
Noch keine Hinweise auf außergewöhnliche Ereignisse nach Jahresende
Nach Abschluss des Geschäftsjahres 2025 sind nach Angaben der Gesellschaft keine Vorgänge von besonderer Bedeutung eingetreten.
Der Abschluss wurde am 11. März 2026 von der WEMAG Wind Energie GmbH als Geschäftsführung unterzeichnet. Die Gesellschafterversammlung stellte den Jahresabschluss für 2025 am 5. Mai 2026 fest.
Fazit: Kritische Bilanz – aber Projektphase ist entscheidend
Der Jahresabschluss des Windpark Appel Grauen enthält auf den ersten Blick deutliche Warnsignale.
Die Gesellschaft bezeichnet sich selbst als bilanziell überschuldet. Der nicht durch Vermögenseinlagen gedeckte Verlustanteil der Kommanditisten ist auf rund 411.000 Euro gestiegen. Gleichzeitig befinden sich zum Bilanzstichtag nur rund 3.661 Euro auf Bankkonten, während gegenüber verbundenen Unternehmen Verbindlichkeiten von mehr als 667.000 Euro bestehen.
Diese Zahlen dürfen allerdings nicht losgelöst vom Projektstatus interpretiert werden.
Das ausgewiesene Sachanlagevermögen besteht bislang ausschließlich aus Anzahlungen und Anlagen im Bau. 2025 wurden weitere rund 115.000 Euro investiert. Die Gesellschaft bezeichnet die bilanzielle Überschuldung ausdrücklich als temporären, durch den Projektverlauf verursachten Effekt.
Vor allem aber stützt sich die Fortführungsannahme auf die weitere finanzielle Unterstützung durch die Gesellschafter.
Damit wird für die weitere Entwicklung eine Frage entscheidend: Gelingt es, das Projekt planmäßig weiterzuentwickeln und bleibt die notwendige Finanzierung bis dahin verfügbar?
Der veröffentlichte Jahresabschluss liefert darauf noch keine endgültige Antwort. Er dokumentiert jedoch sehr deutlich, dass die Projektgesellschaft zum Jahresende 2025 finanziell stark von ihrem Unternehmensverbund abhängig ist.