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Schweizer Blackout-Winter? Wenn Stausee, Gas, Kälte und französische AKW gleichzeitig schlechte Laune bekommen

qimono (CC0), Pixabay

Die Schweiz bereitet sich auf den Winter vor – und plötzlich bekommt der Satz „Nehmen Sie Holz vor die Hütte“ eine ganz neue Bedeutung. Die Stauseen sind ungewöhnlich leer, Europas Gasspeicher schwächeln, Gas ist teuer und ausgerechnet beim französischen Atomstrom muss man hoffen, dass die betagten Kraftwerke einen guten Winter erwischen. Droht jetzt der große Blackout? Noch nicht. Aber wenn vier ungünstige Faktoren gleichzeitig zusammenkommen, könnte aus Schweizer Gelassenheit ziemlich schnell Schweizer Taschenlampensuche werden.

Faktor 1: Der Schweiz fehlt Wasser im Stromsparschwein

Beginnen wir dort, wo die Schweiz normalerweise beneidenswert gut aufgestellt ist: beim Wasser.

Die Schweizer Stauseen sind nach den vorliegenden Angaben derzeit nur zu 73 Prozent gefüllt.

Der langjährige Vergleichswert liegt bei 84 Prozent.

Elf Prozentpunkte Unterschied.

Das klingt zunächst ungefähr so dramatisch wie ein etwas zu spät aufgefüllter Swimmingpool.

Energetisch sieht die Sache anders aus.

Werner Luginbühl, Präsident der Eidgenössischen Elektrizitätskommission ElCom, beziffert die dadurch fehlende Energiemenge auf etwa 900 Gigawattstunden.

Das entspricht ungefähr zwei bis drei Prozent des Schweizer Stromverbrauchs während des Winterhalbjahres.

Schuld daran ist der heiße und trockene Sommer 2026.

Oder vereinfacht:

Die Schweiz hat reichlich Berge, aber dieses Jahr etwas zu wenig Wasser dazwischen.

Faktor 2: Europas Gasspeicher haben ebenfalls keine Lust auf Winter

Nun könnte die Schweiz fehlenden Strom einfach importieren.

Macht sie im Winter ohnehin.

Das Problem beginnt allerdings dann, wenn die Nachbarn gleichzeitig feststellen, dass sie ihren Strom vielleicht selbst ganz gut gebrauchen könnten.

Europas Gasspeicher sind nach den vorliegenden Angaben aktuell zu knapp 69 Prozent gefüllt.

Das seien etwa 16 Prozentpunkte weniger als im Fünfjahresdurchschnitt.

Besonders angespannt ist demnach die Situation in Deutschland.

Dort sollen die Speicher etwa ein Drittel weniger gefüllt sein als normalerweise.

Energieexperte Lino Guzzella formuliert es drastisch:

Die deutschen Gasreserven würden derzeit ungefähr für einen Wintermonat reichen.

Allerdings bedeutet das ausdrücklich nicht, dass Deutschland nach einem Monat das Gas ausgeht.

Denn auch während des Winters wird kontinuierlich neues Gas über Pipelines und LNG-Tanker geliefert.

Sonst wäre der deutsche Energieplan ungefähr:

November: Heizen.
Dezember: Pullover.
Januar: Zwei Pullover.
Februar: Mallorca.

So funktioniert die Gasversorgung glücklicherweise nicht.

Faktor 3: Das Gas kostet plötzlich richtig Geld

Das nächste Problem ist der Preis.

Nach den vorliegenden Angaben ist der europäische Gaspreis infolge des Iran-Krieges und der Einschränkungen rund um die Straße von Hormus von ungefähr

30 Euro auf mehr als 80 Euro je Megawattstunde

gestiegen.

Fast eine Verdreifachung.

Für Händler ist das ausgesprochen unattraktiv.

Wer heute teuer Gas einkauft, weiß schließlich nicht, ob er es im Winter zu einem noch höheren Preis verkaufen kann.

Oder ob er dann feststellen muss:

Herzlichen Glückwunsch, Sie haben Europas teuerste Gasflasche gekauft.

Das Ergebnis:

Die hohen Preise haben offenbar dazu beigetragen, dass weniger Gas eingelagert wurde.

Faktor 4: Jetzt bitte keinen sibirischen Winter

Und dann gibt es noch jene Institution, gegen die selbst Energiepolitiker machtlos sind:

das Wetter.

Ein milder Winter?

Wunderbar.

Ein bisschen Wind, etwas Sonne, vernünftige Temperaturen – und viele Probleme relativieren sich.

Eine lange Kälteperiode mit wenig Wind und wenig Sonne?

Dann wird es unangenehmer.

Denn bei niedrigen Temperaturen steigt der Energiebedarf.

Gleichzeitig können Wind- und Solaranlagen in ungünstigen Wetterlagen weniger Strom produzieren.

Kommt dazu noch eine europäische Gasknappheit, wird aus einer angespannten Versorgungslage eine deutlich schwierigere Situation.

ElCom-Präsident Luginbühl nennt die Kombination aus längerer Kälteperiode und Gasknappheit deshalb „wirklich sehr ungünstig“.

Das ist Schweizer Behördensprache.

Übersetzt bedeutet es ungefähr:

Dann sollten wir uns alle sehr intensiv für den Wetterbericht interessieren.

Aber wir haben doch Frankreich!

Richtig.

Und Frankreich hat Atomkraftwerke.

Viele Atomkraftwerke.

Das ist grundsätzlich eine gute Nachricht.

Denn Kernkraftwerke produzieren unabhängig davon, ob gerade die Sonne scheint oder auf einer Nordseeinsel ein Windrad gute Laune hat.

Französischer Atomstrom könnte deshalb in einer angespannten europäischen Versorgungslage zu einem wichtigen Sicherheitsfaktor werden.

Es gibt lediglich einen kleinen Schönheitsfehler:

Frankreichs Kernkraftwerke haben in der Vergangenheit gelegentlich beschlossen, ausgerechnet dann Probleme zu bekommen, wenn man sie besonders dringend brauchte.

Im Winter 2022/23 waren nach den Angaben der Vorlage zeitweise rund 30 von etwa 50 Anlagen wegen Wartungsarbeiten und Korrosionsproblemen außer Betrieb.

Frankreich, normalerweise einer der wichtigsten Stromexporteure Europas, musste damals selbst Strom importieren.

Auch im heißen Sommer 2026 mussten mehrere Anlagen wegen Wassermangels gedrosselt werden.

Damit lautet Europas winterlicher Notfallplan vereinfacht:

Keine Panik. Im Zweifel hilft Frankreich.

Und Frankreich sagt:

Gern. Wenn unsere Kraftwerke mitmachen.

Was müsste für ein echtes Problem passieren?

Damit es wirklich kritisch wird, müssten mehrere ungünstige Entwicklungen zusammenkommen.

Erstens: Die Schweizer Stauseen bleiben deutlich schlechter gefüllt als üblich.

Zweitens: Europas Gasversorgung bleibt angespannt.

Drittens: Der Winter wird lang und kalt, während Wind- und Solarstrom schwächeln.

Viertens: Gleichzeitig steht weniger französischer Atomstrom für Importe zur Verfügung.

Ein einzelner dieser Faktoren bedeutet noch keinen Blackout.

Auch zwei davon müssen noch keine Versorgungskrise auslösen.

Aber wenn alle vier gleichzeitig an der Tür klingeln, sollte vielleicht jemand zu Hause sein.

Nein, die Schweiz wird nicht plötzlich dunkel

Und damit zum wichtigsten Punkt:

Aktuell besteht nach Einschätzung der in der Vorlage zitierten Fachleute keine Strommangellage.

Das sollte bei all den spektakulären Blackout-Schlagzeilen nicht untergehen.

Auch eine Mangellage bedeutet nicht automatisch, dass in Zürich um 18.03 Uhr plötzlich sämtliche Lichter ausgehen und jemand ruft:

„Wer hat die Schweiz ausgesteckt?“

Bevor kontrollierte Stromabschaltungen überhaupt zum Thema würden, gäbe es verschiedene andere Maßnahmen.

Dazu könnten Sparappelle gehören.

Auch Einschränkungen für besonders stromintensive Unternehmen und die Nutzung vorhandener Reserven wären möglich.

Tatsächliche Abschaltungen bezeichnet Guzzella als ein „sehr, sehr extremes“ Szenario.

ETH-Energieexperte Christian Schaffner geht ebenfalls davon aus, dass dafür eine umfassende europäische Krise notwendig wäre.

Die europäische Vernetzung ist Risiko und Versicherung zugleich

Dabei gibt es eine interessante Besonderheit.

Die Schweiz ist im Winter auf Stromimporte angewiesen.

Das macht sie abhängig von ihren Nachbarn.

Gleichzeitig ist genau diese Vernetzung eine ihrer größten Sicherheiten.

Wenn Deutschland viel Windstrom produziert, Frankreichs Kernkraftwerke laufen und Italien beziehungsweise andere europäische Märkte genügend Energie bereitstellen, kann Strom grenzüberschreitend dorthin fließen, wo er gebraucht wird.

Das europäische Stromnetz funktioniert deshalb ein bisschen wie eine große Wohngemeinschaft.

Normalerweise kann man sich beim Nachbarn etwas ausleihen.

Problematisch wird es erst, wenn im selben Moment alle vor der Tür stehen und fragen:

„Du, hast du zufällig noch ein paar Gigawattstunden übrig?“

Also Holz kaufen?

Lino Guzzellas viel zitierter Rat „Nehmen Sie Holz vor die Hütte“ dürfte jedenfalls zu den erfolgreicheren Energieslogans dieses Herbstes gehören.

Ob daraus tatsächlich eine ernsthafte Mangellage entsteht, hängt von Faktoren ab, die heute noch niemand zuverlässig vorhersagen kann.

Wetter.

Gasimporte.

Preise.

Kraftwerksverfügbarkeit.

Wasserstände.

Und Europas Stromproduktion.

Derzeit lautet die Lage deshalb nicht:

Blackout kommt.

Sondern eher:

Ausgangslage schwieriger als sonst – Versorgung genau beobachten.

Oder, etwas weniger amtlich formuliert:

Die Schweiz muss diesen Winter vermutlich nicht bei Kerzenschein Raclette essen.

Aber ausgerechnet jetzt einen Großeinkauf elektrischer Heizlüfter zu planen, wäre möglicherweise auch nicht die brillanteste Idee.

Vier schlechte Freunde sollten sich diesen Winter besser nicht treffen

Am Ende ist es eine klassische Risikokette.

Wenig Wasser allein ist beherrschbar.

Wenig Gas allein ebenfalls.

Kälte kennt die Schweiz.

Und französische Atomkraftwerke haben schon viele Winter überstanden.

Kritisch wird es erst, wenn mehrere Sicherheiten gleichzeitig ausfallen.

Leere Stauseen + knappe Gasreserven + bitterkalter Winter + schwächelnde französische AKW = Problem.

Noch ist diese Rechnung hypothetisch.

Die ElCom geht nach den Angaben der Vorlage derzeit nicht von einer Mangellage aus.

Und deshalb gilt für die kommenden Monate vielleicht die schweizerischste aller Energiestrategien:

Ruhe bewahren, Stauseen beobachten, mit Europa verbunden bleiben – und vorsichtshalber wissen, wo die Taschenlampe liegt.

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