Explosionen vor Gaststätten, Brandanschläge und gezielte Sachbeschädigungen: Deutsche Sicherheitsbehörden beobachten eine Kriminalitätsform, bei der Gewalttaten wie eine Dienstleistung in Auftrag gegeben werden. Das Phänomen wird als „Violence as a Service“ bezeichnet.
Besonders beunruhigend: Für die eigentliche Ausführung werden teilweise Minderjährige und sehr junge Erwachsene über soziale Netzwerke und Messenger-Dienste angeworben. Die Auftraggeber bleiben dabei häufig im Hintergrund.
Aktuell prüfen Ermittler unter anderem, ob mehrere Explosionen in Frankfurt am Main und Offenbach mit solchen Strukturen zusammenhängen könnten. Die Staatsanwaltschaft sieht nach den vorliegenden Angaben gewichtige Anhaltspunkte für einen Zusammenhang mit „Violence as a Service“ und der Organisierten Kriminalität. Bewiesen ist eine solche Verbindung für die einzelnen aktuellen Taten damit noch nicht.
Gewalt wird zur bezahlten „Mission“
Das Prinzip ist erschreckend einfach: Kriminelle Netzwerke suchen Personen, die gegen Bezahlung bestimmte Straftaten ausführen sollen. Das können Sachbeschädigungen und Brand- oder Sprengstoffanschläge sein. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes können die Aufträge aber bis hin zu schweren Gewalttaten und Tötungsdelikten reichen.
Die angeworbenen Jugendlichen kennen ihre Auftraggeber teilweise überhaupt nicht. Häufig wissen sie offenbar auch nicht, warum ein bestimmtes Geschäft, Restaurant oder eine bestimmte Person angegriffen werden soll.
Die Tat wird ihnen beispielsweise als „Mission“ präsentiert.
Jugendliche werden über Messenger und soziale Netzwerke angesprochen
Die Rekrutierung erfolgt nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden häufig über ein mehrstufiges System. Neben dem eigentlichen Auftraggeber können Vermittler, Rekrutierer und örtliche Helfer beteiligt sein.
Um Jugendliche anzusprechen, sollen gezielt populäre Online-Kanäle, jugendgerechte Sprache, Emojis und teilweise KI-generierte Bilder eingesetzt werden.
Die jungen Täter werden mit Geld gelockt. Die Bezahlung soll häufig über Kryptowährungen erfolgen, wodurch Zahlungswege schwerer nachvollziehbar sein können. Teilweise bekommen die angeworbenen Täter das versprochene Geld nach der Tat offenbar überhaupt nicht.
Wer einen Auftrag nicht ausführt, kann nach Erkenntnissen der Ermittler zudem unter Druck gesetzt oder bedroht werden.
Von den Hintermännern getrennt
Für kriminelle Organisationen hat dieses Vorgehen einen entscheidenden Vorteil: Zwischen den Personen, die einen Anschlag planen oder beauftragen, und demjenigen, der schließlich den Sprengsatz wirft oder ein Feuer legt, können mehrere Vermittlungsstufen liegen.
Damit wird die Arbeit der Ermittler erheblich schwieriger.
Die Polizei muss deshalb nicht nur den unmittelbar Tatverdächtigen finden. Sie muss auch herausfinden, wer ihn angeworben hat, wer das Ziel ausgewählt hat, wer Material oder Transport organisiert hat und wer letztlich den Auftrag erteilte.
15-Jähriger warf Sprengsatz in Frankfurter Café
Wie gefährlich dieses System werden kann, zeigt ein bereits gerichtlich aufgearbeiteter Fall aus Frankfurt.
Ein damals 15-Jähriger aus den Niederlanden war nach den Feststellungen des Landgerichts über den Messenger-Dienst Snapchat angeworben und für die Tat nach Frankfurt gebracht worden.
Im Sommer 2025 warf er eine selbst gebaute Kugelbombe mit mehreren Litern Brandbeschleuniger in ein Café im Stadtteil Bockenheim. Der Sprengsatz detonierte und setzte den Raum in Brand.
Der Wirt konnte vier Gäste und sich selbst weitgehend unverletzt ins Freie bringen.
Das Landgericht Frankfurt verurteilte den Jugendlichen im März 2026 zu einer Jugendstrafe von vier Jahren und drei Monaten, unter anderem wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in fünf Fällen.
Fälle werden inzwischen bundesweit untersucht
„Violence as a Service“ ist kein ausschließlich hessisches Problem. Nach den vorliegenden Angaben beschäftigen entsprechende Fälle beziehungsweise Verdachtsfälle Ermittlungsbehörden unter anderem in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Berlin und Bayern.
In Hessen wird 2026 eine mittlere zweistellige Zahl von Sachverhalten daraufhin geprüft, ob sie diesem Kriminalitätsphänomen zugeordnet werden können. Erfasst wird die Entwicklung dort seit 2024; im Laufe des Jahres 2025 wurde demnach ein deutlicher Anstieg festgestellt.
Deutschland hat nach Einschätzung des Bundeskriminalamtes allerdings noch nicht die Dimension erreicht, die beispielsweise aus Schweden bekannt ist. Dort stellt die Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen für schwere Straftaten bereits ein erhebliches Problem dar.
Ermittler suchen nicht nur nach den unmittelbaren Tätern
Nach Explosionen oder Brandanschlägen prüfen die Ermittler deshalb inzwischen verstärkt, ob möglicherweise ein bezahlter Auftrag dahintersteht.
Dabei wird auch das Umfeld des angegriffenen Geschäfts oder der betroffenen Person untersucht: Gab es vorher Drohungen? Wurde Schutzgeld verlangt? Bestehen Konflikte mit anderen kriminellen Gruppen? Warum wurde gerade dieses Ziel ausgewählt?
Damit verändert sich auch die Ermittlungsstrategie. Die Festnahme desjenigen, der einen Sprengsatz legt, kann lediglich der Anfang der Ermittlungen sein.
Die entscheidende Frage lautet anschließend: Wer hat die Tat bestellt?
Gerade darin liegt die besondere Gefahr von „Violence as a Service“. Junge Menschen können für vergleichsweise geringe Geldversprechen als ausführende Täter eingesetzt werden, während die eigentlichen Auftraggeber versuchen, im Hintergrund zu bleiben. Gleichzeitig können Sprengstoff- und Brandanschläge völlig unbeteiligte Menschen gefährden.
Für Polizei und Staatsanwaltschaft besteht deshalb die Herausforderung darin, nicht nur die sichtbaren Täter zu ermitteln, sondern die gesamte Befehlskette bis zu möglichen Auftraggebern und kriminellen Netzwerken aufzudecken.