Der Zusammenbruch der Kryptowährungsbörse Zondacrypto entwickelt sich in Polen zu einer weitreichenden Finanz- und Politaffäre. Tausende Anleger sollen Geld verloren haben, Ermittler untersuchen Betrugs- und Geldwäscheverdacht, der frühere Betreiber Przemysław Kral kooperiert Berichten zufolge mit der Justiz – und mit Radosław Piesiewicz, dem Präsidenten des Polnischen Olympischen Komitees, ist inzwischen eine der prominentesten Persönlichkeiten des Landes ins Visier der Ermittler geraten.
Polens Ministerpräsident Donald Tusk erhebt zugleich schwere politische Vorwürfe. Auf der Plattform seien „schmutzige und düstere Geschäfte“ abgewickelt worden, in die nach seiner Darstellung auch führende Persönlichkeiten aus dem Umfeld der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) verwickelt seien.
Die Vorwürfe reichen inzwischen noch weiter: Tusk bringt die Affäre auch mit organisierter Kriminalität und russischen Interessen in Verbindung. Bewiesen sind diese weitreichenden politischen und geheimdienstlichen Verbindungen bislang jedoch nicht.
Zondacrypto stellte im April plötzlich den Betrieb ein
Ausgangspunkt des Skandals ist der Zusammenbruch von Zondacrypto im April 2026.
Die Kryptobörse stellte ihren Betrieb abrupt ein und ihre Internetseite verschwand. Nach Angaben der polnischen Regierung sollen Kunden dadurch Verluste von mindestens rund 350 Millionen Zloty erlitten haben – umgerechnet mehr als 80 Millionen Euro.
Euronews berichtet unter Berufung auf Regierungsangaben von ungefähr 30.000 Betroffenen. Bei den Ermittlungsbehörden waren bereits bis Juni Tausende Beschwerden eingegangen.
Die Staatsanwaltschaft untersucht den Komplex seit April. Im Raum stehen unter anderem der Verdacht auf Betrug in erheblichem Umfang sowie Geldwäsche.
Mehr als 100 Millionen Zloty sollen inzwischen für eine mögliche spätere Entschädigung von Geschädigten gesichert worden sein.
Rätsel um Tausende Bitcoin
Eine besonders brisante Rolle spielt ein sogenanntes Cold Wallet mit ungefähr 4.500 Bitcoin.
Der ehemalige Betreiber Przemysław Kral hatte erklärt, seit Jahren keinen Zugriff auf dieses Wallet gehabt zu haben. Der Wert der darin vermuteten Kryptowährungen wurde zuletzt auf mehr als 300 Millionen Dollar beziffert.
Die Schlüssel sollen sich nach früheren Angaben beim Zondacrypto-Gründer Sylwester Suszek befunden haben.
Doch Suszek ist verschwunden.
Gründer Sylwester Suszek seit 2022 vermisst
Der Fall bekommt dadurch beinahe die Züge eines Kriminalromans.
Sylwester Suszek, Gründer der Vorgängerplattform BitBay, verschwand bereits im März 2022 spurlos. Er war damals 33 Jahre alt.
Ministerpräsident Tusk erklärte inzwischen vor dem Parlament, Suszek sei verschwunden und wahrscheinlich nicht mehr am Leben. Eine abschließende Gewissheit über sein Schicksal gibt es jedoch nicht.
Die Ermittlungen zum Verschwinden Suszeks wurden Anfang August mit dem Zondacrypto-Verfahren zusammengeführt. Damit untersucht dieselbe zuständige Einheit inzwischen sowohl die Vorgänge rund um die Kryptobörse als auch das ungeklärte Verschwinden ihres Gründers.
Nachfolger Kral soll mit Staatsanwaltschaft kooperieren
Nach Suszeks Verschwinden übernahm Przemysław Kral eine führende Rolle bei Zondacrypto.
Nach Medienberichten hält er sich inzwischen außerhalb Polens auf. Als mögliche Aufenthaltsorte werden Israel oder ein Golfstaat genannt.
Besonders brisant ist, dass Kral nach Angaben seines Rechtsbeistands zur Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden bereit sein soll. Im Gegenzug könnte ihm bei einer möglichen Verurteilung eine mildere Strafe zugutekommen.
Damit könnte Kral für die Ermittler zu einer Schlüsselfigur werden.
Sollte er über detaillierte Kenntnisse zu Geldflüssen, Geschäftspartnern, Sponsoringvereinbarungen und möglichen politischen Kontakten verfügen und diese gegenüber den Ermittlern offenlegen, könnte die Affäre noch erheblich größere Kreise ziehen.
Olympia-Chef Piesiewicz festgenommen
Die erste besonders prominente Festnahme erfolgte bereits.
Radosław Piesiewicz, Präsident des Polnischen Olympischen Komitees, wurde am 27. August von der Polizei festgenommen. Seine Wohnung wurde durchsucht und Dokumente wurden sichergestellt.
Anschließend wurde Piesiewicz zur zuständigen Abteilung der Staatsanwaltschaft nach Katowice gebracht.
Die Angelegenheit geht inzwischen über einen bloßen Anfangsverdacht hinaus: Nach Angaben des polnischen Justizministers und Generalstaatsanwalts Waldemar Żurek wurden Piesiewicz Vorwürfe wegen mutmaßlicher Einflussnahme beziehungsweise Vorteilsnahme sowie wegen der Bevorzugung bestimmter Gläubiger im Zusammenhang mit einer drohenden Insolvenz eröffnet.
Damit ist allerdings noch keine Schuld festgestellt. Für Piesiewicz gilt die Unschuldsvermutung.
Auffällige Rückzahlung wird untersucht
Eine zentrale Frage betrifft offenbar Piesiewicz‘ eigene Investitionen.
Während zahlreiche andere Kunden von Zondacrypto auf ihr Geld warteten, soll Piesiewicz seine Einlagen vollständig zurückerhalten haben, obwohl sich die Plattform bereits in erheblichen Schwierigkeiten befunden habe.
Genau diese mögliche Bevorzugung einzelner Gläubiger ist nun Bestandteil der strafrechtlichen Ermittlungen.
Polnischen Medien zufolge hatte Piesiewicz Ende 2025 Token im Wert von rund 200.000 Euro erworben.
Die Staatsanwaltschaft untersucht nun, ob er im Zusammenhang mit der drohenden Zahlungsunfähigkeit gegenüber anderen Gläubigern bevorzugt wurde.
Luxus-Uhr im Wert von rund 40.000 Euro
Hinzu kommt eine weitere brisante Episode.
Gemeinsame Recherchen polnischer Medien werfen die Frage auf, ob Piesiewicz von Kral eine hochwertige Patek-Philippe-Uhr im Wert von ungefähr 40.000 Euro erhalten haben könnte.
Der Verdacht lautet, dass eine solche Zuwendung mit Unterstützung bei regulatorischen Problemen der Kryptobörse zusammenhängen könnte.
Piesiewicz bestreitet, die Uhr geschenkt bekommen zu haben. Er erklärte, sie selbst bar bezahlt zu haben; Kral habe lediglich bei der Beschaffung geholfen.
Auch dieser Vorgang wird von den Ermittlern untersucht.
Zondacrypto wurde Sponsor des Olympischen Komitees
Die Verbindung zwischen Piesiewicz und Zondacrypto war keineswegs auf private Kontakte beschränkt.
Im Oktober 2025 wurde die Kryptobörse zum Haupt- beziehungsweise Generalsponsor des Polnischen Olympischen Komitees und der polnischen Olympiamannschaft. Die Vereinbarung sollte für den Zeitraum 2026 bis 2028 gelten.
Das Sponsoring sorgte insbesondere wegen einer ungewöhnlichen Vereinbarung für Aufmerksamkeit.
Erfolgreiche polnische Athleten bei den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina sollten Prämien in Kryptowährungen erhalten.
Die Auszahlung dieser Boni funktionierte Berichten zufolge jedoch nur unzuverlässig.
Bereits seit Monaten fordern zahlreiche polnische Sportverbände deshalb den Rücktritt Piesiewicz‘.
Tusk erhebt schwere Vorwürfe gegen PiS-Umfeld
Der Fall ist inzwischen längst keine reine Finanz- oder Sportaffäre mehr.
Ministerpräsident Donald Tusk stellt einen Zusammenhang zwischen Zondacrypto und Persönlichkeiten aus dem Umfeld der nationalkonservativen PiS her.
Die Partei regierte Polen zwischen 2015 und 2023 und bildet heute einen zentralen Teil der Opposition gegen Tusks Regierung.
Tusk spricht von „schmutzigen und düsteren Geschäften“ und behauptet, führende Personen des nationalkonservativen Lagers seien in das Netzwerk verwickelt.
Auch die Finanzierung rechtsgerichteter Veranstaltungen, Stiftungen und Medien durch Zondacrypto steht inzwischen im Fokus.
Gerade bei diesen Vorwürfen ist allerdings eine klare Trennung notwendig: Politische Nähe, Sponsoring oder persönliche Kontakte beweisen für sich genommen keine Beteiligung an Straftaten.
Vorwürfe über Verbindungen zu russischer Mafia
Noch explosiver sind Behauptungen über mögliche russische Verbindungen.
Tusk erklärte, im Umfeld des Unternehmens habe es Geld der „russischen Mafia“ beziehungsweise Verbindungen zu russischen Geheimdienstinteressen gegeben.
Medienberichte beschäftigen sich ebenfalls mit möglichen Verbindungen der Kryptobörse zu organisierter Kriminalität.
Dabei handelt es sich um außerordentlich schwere Vorwürfe. Solange die Ermittlungen laufen und keine entsprechenden gerichtlichen Feststellungen vorliegen, dürfen sie nicht als erwiesene Tatsachen dargestellt werden.
Politischer Sprengstoff für Polen
Die Affäre besitzt damit inzwischen mehrere Ebenen gleichzeitig.
Zunächst geht es um Tausende Anleger und einen mutmaßlichen Schaden von mindestens 350 Millionen Zloty. Daneben stehen strafrechtliche Ermittlungen wegen möglichen Betrugs, Geldwäsche und Korruption.
Hinzu kommen das bis heute ungeklärte Verschwinden des Unternehmensgründers, ein möglicherweise kooperationsbereiter früherer Unternehmenschef sowie Verbindungen zum organisierten polnischen Sport.
Und schließlich droht daraus eine ausgewachsene politische Affäre zu werden.
Mit jeder Aussage Krals gegenüber den Ermittlern könnten weitere Namen, Zahlungen und Verbindungen bekannt werden.
Für geschädigte Anleger beginnt die Aufarbeitung erst
Für die Tausenden Betroffenen steht währenddessen eine wesentlich praktischere Frage im Vordergrund: Wie viel ihres Geldes lässt sich noch zurückholen?
Dass Ermittler bereits erhebliche Vermögenswerte gesichert haben sollen, könnte für spätere Entschädigungen relevant werden. Daraus folgt allerdings noch nicht, dass sämtliche Forderungen vollständig erfüllt werden können.
Betroffene Anleger sollten deshalb sämtliche Unterlagen zu ihren Zondacrypto-Geschäften aufbewahren. Dazu gehören insbesondere Ein- und Auszahlungsnachweise, Wallet-Adressen, Transaktions-IDs, Kontoauszüge, E-Mails und sonstige Kommunikation sowie Screenshots des damaligen Kontostands.
Bei Kryptoverfahren können gerade Blockchain-Transaktionsdaten später entscheidend sein, um Zahlungswege und Vermögensbewegungen nachzuvollziehen.
Affäre dürfte noch lange nicht beendet sein
Die Festnahme des Präsidenten des Polnischen Olympischen Komitees könnte deshalb erst der Anfang einer wesentlich größeren juristischen Aufarbeitung sein.
Von besonderer Bedeutung wird sein, was Przemysław Kral den Ermittlern tatsächlich mitteilt und welche seiner Angaben sich durch Dokumente, Transaktionen oder Zeugenaussagen belegen lassen.
Ebenso entscheidend ist, ob sich die weitreichenden politischen Vorwürfe der Regierung erhärten lassen.
Fazit: Der Zusammenbruch von Zondacrypto hat sich von einem mutmaßlichen Millionenschaden für Kryptokunden zu einer der brisantesten Affären Polens entwickelt. Rund 350 Millionen Zloty an Verlusten stehen im Raum, der Unternehmensgründer ist seit 2022 verschwunden, sein Nachfolger soll mit den Ermittlern kooperieren und mit Radosław Piesiewicz wurde der Präsident des Polnischen Olympischen Komitees festgenommen. Ministerpräsident Donald Tusk erhebt darüber hinaus schwere Vorwürfe gegen Personen aus dem PiS-Umfeld und spricht von Verbindungen zu organisierter Kriminalität und russischen Interessen. Ob sich diese weitreichenden Anschuldigungen strafrechtlich belegen lassen, müssen nun die laufenden Ermittlungen zeigen.